Mittwoch, 24. Mai 2017

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Geschrieben von ski am 09. Februar 2017
Aktuell

Kein gangbarer Weg in Sicht

Kein Entgegenkommen der KVN: der kinderärztliche Bereitschaftsdienst findet wohl ab 2018 in Göttingen statt – oder gar nicht

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Bei der Diskussionsveranstaltung in Bad Lauterberg: Kinderärztin Ute Leib, Kinderarzt Martin Webel, Dr. Andreas Philippi, Harald Jeschonnek von der KVN
Bei der Diskussionsveranstaltung in Bad Lauterberg: Kinderärztin Ute Leib, Kinderarzt Martin Webel, Dr. Andreas Philippi, Harald Jeschonnek von der KVN
Eine Karte des bisherigen kinderärztlichen Notdienstes: im größten Teil von Niedersachsen gibt es ihn überhaupt nicht
Eine Karte des bisherigen kinderärztlichen Notdienstes: im größten Teil von Niedersachsen gibt es ihn überhaupt nicht
Bei dem Hintergrundgespräch in Osterode wurde keine Lösung gefunden
Bei dem Hintergrundgespräch in Osterode wurde keine Lösung gefunden

Weite Anfahrtszeiten zum Notdienst mit einem kranken Kind oder einem fiebernden Säugling im Auto – das ist natürlich eine schreckliche Vorstellung für Eltern. Ab dem nächsten Jahr wird dies jedoch wohl Realität für viele Eltern im Altkreis Osterode, wenn der kinderärztliche Bereitschaftsdienst zentral in Göttingen stattfindet. Und das ist noch die bessere Variante. Die schlechtere: es gibt dann gar keinen kinderärztlichen Bereitschaftsdienst mehr.

Das Ganze ist eine reichlich komplizierte Angelegenheit. Schon bei der Diskussionsrunde zum Thema, die Mitte Januar im Hotel Riemann stattgefunden hatte und von der BI für Osterode organisiert worden war, war deutlich geworden, dass die ganzen rechtlichen und tatsächlichen Gegebenheiten nicht mal eben mit zwei Sätzen erklärt werden können. Dementsprechend waren damals auch einige Zuschauer mit mehr Fragen aus der Veranstaltung heraus-, als hineingegangen.

Inzwischen hat ein lang geplantes Hintergrundgespräch mit Vertretern aus Politik, allen voran Osterodes Bürgermeister Klaus Becker, Kinderärzten und der Kassenärztlichen Vereinigung (KVN) stattgefunden. Doch ein besseres Ergebnis als der aktuelle Planungsstand – kinderärztlicher Bereitschaftsdienst ab 2018 nur noch in Göttingen - konnte nicht erreicht werden. „Die KVN ließ sich nicht erweichen“, so resümiert Becker: „Nicht schön, aber so sieht es leider Gottes aus.“

Das ist die Kurzform. Wer sich dafür interessiert, wie das Ganze so gekommen ist, und warum, für den sei die Angelegenheit hier möglichst einfach dargestellt. So einfach, wie es bei diesem komplizierten Thema eben möglich ist. Mal ganz der Reihe nach. Kann es losgehen?

Wie läuft es bisher?

Bislang gibt es im Altkreis Osterode den kinderärztlichen Bereitschaftsdienst, der nachts und am Wochenende über eine einheitliche Telefonnummer zu erreichen ist. Bei Bedarf außerhalb der regulären Sprechzeiten und am Wochenende erfährt man dort, welche Praxis zuständig ist und wann man mit seinem Kind in die Praxis kommen kann. Dieser Notdienst wird von den sechs Kinderärzten im Altkreis aufrechterhalten und besteht seit 12 Jahren; zuvor gab es keinen kinderärztlichen, sondern nur den allgemeinen Bereitschaftsdienst.

Warum geht das nicht weiterhin so?

Weil die Vertreterversammlung der Kassenärztlichen Vereinigung Niedersachsen neue Regeln beschlossen hat. So darf ab 2018 jeder Arzt nur noch vier Bereitschaftsdienste pro Quartal übernehmen. Außerdem hat die Vertreterversammlung beschlossen, dass der kinderärztliche Bereitschaftsdienst, sofern es denn überhaupt einen gibt, in einer zentralen Bereitschaftspraxis stattfinden muss, die räumlich an einer Kinderklinik angebunden sein muss. (In unserer Region bedeutet das: an der Uniklinik Göttingen). Und: die KVN muss einen entsprechenden Bedarf an einem kinderärztlichen Notdienst feststellen.

Wie soll es jetzt mit dem kinderärztlichen Bereitschaftsdienst weitergehen?

Die rund dreißig Kinderärzte der Region Südniedersachsen haben sich zusammengetan, um einen solchen zentralen Bereitschaftsdienst in Göttingen anbieten zu können. Spätestens ab dem 01.01.2018 muss es losgehen. Ansonsten gibt es gar keinen kinderärztlichen Notdienst mehr. Denn: es ist keineswegs so, dass es überhaupt einen kinderärztlichen Notdienst geben muss. In den meisten Gegenden Niedersachsens, nämlich zwei Dritteln der Fläche, ist dies nicht der Fall. Eltern müssen mit ihren kranken Kindern dann zum allgemeinärztlichen Notdienst  – oder im schlimmsten Fall den Rettungsdienst rufen.

Die bisherige Lösung im Altkreis Osterode wird aber in keinem Fall weiter betrieben werden können, da sie den oben aufgestellten Regeln (nur vier Bereitschaftsdienste pro Kinderarzt und Quartal, zentraler Standort an Kinderklinik) nicht genügt.

Wer hat darüber zu entscheiden?

Ganz allein die KVN, genauer gesagt, deren Vertreterversammlung. Sie besteht aus 50 Ärztinnen und Ärzten, die bereits 2014 diese Regelung getroffen haben, die für ganz Niedersachsen gilt. Die Vertreterversammlung der KVN setzt die Bereitschaftsdienstordnung fest und regelt die Vergütung.
Ganz egal, was Politiker, Krankenversicherungen, Patienten oder sogar die hier niedergelassenen Kinderärzte dazu sagen – die Entscheidung liegt bei der KVN. Und diese hat die Regelung vor bald drei Jahren festgeschrieben.

Warum wurde das so entschieden?

Die offizielle Begründung

Die KVN-Vertreterversammlung hat ihre Entscheidung bezüglich der maximal vier Bereitschaftsdienste pro Quartal getroffen, um dem Ärztemangel auf dem Land entgegenzutreten. „Bereitschaftsdienste sind in der Regel unattraktiv“, sagt Harald Jeschonnek, der Geschäftsführer der Bezirksstelle Göttingen der KVN. Wer sich als Kassenarzt niederlassen will, muss am ärztlichen Bereitschaftsdienst teilnehmen. Vor der Neuregelung bedeutete dies, dass auf dem Lande niedergelassene Ärzte sehr viel mehr Dienste machen mussten als ihre Kollegen in der Stadt, wo sich die Anzahl auf mehr Schultern verteilt. Damit nicht noch weniger Ärzte auf das Land gehen wollen, habe man mit der Neuregelung von vier Bereitschaftsdiensten pro Quartal eine Gleichbehandlung aller niedergelassenen Ärzte erreichen wollen.

Die vorgeschriebene direkte Anbindung an eine Kinderklinik sei notwendig, damit eine eventuell erforderliche stationäre Aufnahme des kranken Kindes unmittelbar veranlasst werden kann, ohne dass es nochmals woandershin gebracht werden muss.

Herzlichen Glückwunsch, Sie haben es bis hierher geschafft! Aber es ist noch nicht vorbei…


Was nicht offiziell so gesagt wird (aber möglicherweise auch eine Rolle spielt)

Einige Ärzte in der KVN sehen grundsätzlich schon mal überhaupt keinen Bedarf für einen kinderärztlichen Notdienst. (Oder überhaupt fachärztliche Bereitschaftsdienste, bis auf den augenärztlichen Notdienst.) Viele Allgemeinmediziner, vor allem die etwas Älteren, sind es gewohnt, die ganze Familie zu behandeln, Kinder eingeschlossen, und finden den kinderärztlichen Notdienst schlicht überflüssig. Als die Vertreterversammlung die neue Bereitschaftsdienstordnung 2014 beschloss, war übrigens unter den 50 Ärztinnen und Ärzten des Gremiums kein einziger Kinderarzt.

Noch dabei? Respekt! Aber es geht noch weiter…

Alle niedergelassenen Kassenärzte, egal welche Fachrichtung, müssen am Bereitschaftsdienst teilnehmen. Das heißt, wenn die Kinderärzte keinen eigenen Bereitschaftsdienst haben, nehmen sie am allgemeinen Bereitschaftsdienst teil. Und das bedeutet, dass a) die anderen Ärzte seltener Bereitschaftsdienst machen müssen, b) verteilen sich die Fixkosten der zentralen Bereitschaftspraxis (Räumlichkeiten, Personal, EDV….) auf mehr Ärzte und c) kommen dann die Eltern mit kranken Kindern auch zum allgemeinen Bereitschaftsdienst, was bedeutet, dass dieser für die Ärzte finanziell lukrativer ist.

Man darf den 30 Kinderärzten der Region Südniedersachsen, die nun ab nächstes Jahr wenigstens den zentralen Bereitschaftsdienst in Göttingen anbieten wollen, also ruhig glauben, dass es ein harter Kampf war, um diese Möglichkeit überhaupt in der KVN durchzusetzen.

Kann man die Regelung wieder ändern?

Nur die Vertreterversammlung der KVN könnte ihre eigene Entscheidung revidieren. Beantragen könnte dies ein Mitglied dieser Vertreterversammlung.

Und warum wird das dann nicht einfach gemacht?

Es besteht die Gefahr, auf die der Osteroder Kinderarzt Martin Webel bei der Diskussionsveranstaltung im Januar hinwies: wenn die Vertreterversammlung einen neuen Beschluss über die Bereitschaftsdienste fassen muss, ist durchaus möglich, dass sie entscheidet, überhaupt keinen kinderärztlichen Notdienst mehr zuzulassen. Punkt. Dann gäbe es nur noch den allgemeinen Bereitschaftsdienst, in unserem Fall in der Bereitschaftspraxis am Herzberger Krankenhaus.
Dann hätte man nicht nur die Taube auf dem Dach verloren, sondern auch noch den Spatz in der Hand zerquetscht, wie es der stellvertretende Landrat Dr. Andreas Philippi ausdrückte.

Denn Ausnahmeregelungen für einzelne Regionen wird die KVN wohl nicht treffen. Das liefe nicht nur der Intention zuwider, für Ärzte in Stadt und Land gleiche Bereitschaftsdienstmengen zu erreichn, es käme auch schnell das ganze System von Bereitschaften ins Wanken. Ein durchgehender Bereitschaftsdienst mit vier Bereitschaften pro Quartal erfordert mindestens 23 teilnehmende Ärzte, wie Harald Jeschonnek vorrechnete. Diese Zahl ist in vielen ländlichen Regionen nur zu erreichen, wenn aus einem größeren Gebiet alle Ärzte zusammengefasst werden.

Was sollte nun das Osteroder Hintergrundgespräch überhaupt erreichen?

Bei dem Gespräch mit Klaus Becker, Dr. Andreas Philippi, den Bundestagsabgeordneten Dr. Wilhelm Priesmeier (SPD) und Dr. Roy Kühne (CDU), dem Sozialreferenten des Landkreises Göttingen Marcel Riethig und den Osteroder Kinderärzten Martin Webel und Christian Webel am 01.02. wurden dem KVN-Vorstandsvorsitzenden Mark Barjenbruch verschiedene Lösungsvorschläge unterbreitet, um doch irgendeine Kompromisslösung zu erreichen. Doch beim Gespräch wurde klar: von Seiten der KVN ist kein Entgegenkommen zu erwarten. „Wir haben uns den Mund fusselig geredet, die Politiker haben sich sehr dafür eingesetzt – aber die KVN hat sich auf nichts davon eingelassen“, erklärt Martin Webel.  Auch eine kleine „Osteroder Lösung“ an, bei der eine hiesige Praxis wenigstens am Wochenende für einige Stunden besetzt ist, scheiterte an der fehlenden Vergütung.
„Ich bin sehr enttäuscht“, sagt Martin Webel: „Wir hatten ja einen funktionierenden kinderärztlichen Notdienst – den hat man uns weggenommen. Wir Kinderärzte wurden nicht gefragt.“

„Die KVN hat sich klar geäußert“, seufzt auch Osterodes Bürgermeister Becker: „Es ist auf jeden Fall eine Verschlechterung, aber wir müssen froh sein, dass überhaupt ein südniedersächsisches Modell - mit großem Engagement der Kinderärzte - ausgehandelt werden konnte.“

Und jetzt?

Für die Eltern des Altlandkreises Osterode heißt es also voraussichtlich ab Januar: ab ins Auto mit dem kranken Kind, und nach Göttingen fahren. Kinderarzt Martin Webel rät derweil den enttäuschten Eltern, ihren Unmut dort auszudrücken, wo auch die Entscheidung getroffen wurde: bei der KVN. Damit diese nicht etwa auf die Idee kommt, irgendwann die Göttinger Lösung auch noch zu streichen.

Die BI für Osterode plant derweil, mit den vier Ärztinnen und Ärzten aus der Region Kontakt aufzunehmen, die in der Vertreterversammlung sind. Bernd Hausmann erklärt: „Wir wollen beantragen, dass für die Kinderärzte einige zusätzliche Notdienste bezahlt werden. Ihre Bereitschaft, zusätzliche Bereitschaften zu machen, haben sie ja erklärt“. Derzeit sammelt die BI dazu Unterstützerunterschriften, um diese begleitend der KVN vorzulegen. Doch auch Hausmann ist klar: „Das ist wirklich die allerletzte Möglichkeit“.


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