Sonntag, 19. November 2017

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Geschrieben von PM am 08. November 2017

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Alkoholiker – und jetzt?

40 Jahre AA in Bad Lauterberg: Die Anonymen Alkoholiker stellen sich vor

Bei den AA-Meetings im St. Andreas-Gemeindehaus in Bad Lauterberg finden Betroffene immer eine offene Tür.
Bei den AA-Meetings im St. Andreas-Gemeindehaus in Bad Lauterberg finden Betroffene immer eine offene Tür.
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„Anonyme Alkoholiker sind eine Gemeinschaft von Männern und Frauen, die miteinander ihre Erfahrung, Kraft und Hoffnung teilen, um ihr gemeinsames Problem zu lösen und anderen zur Genesung vom Alkoholismus zu verhelfen.

Die einzige Voraussetzung für die Zugehörigkeit ist der Wunsch, mit dem Trinken aufzuhören.

Die Gemeinschaft kennt keine Mitgliedsbeiträge oder Gebühren, sie erhält sich durch eigene Spenden.

Die Gemeinschaft AA ist mit keiner Sekte, Konfession, Partei, Organisation oder Institution verbunden; sie will sich weder an öffentlichen Debatten beteiligen, noch zu irgendwelchen Streitfragen Stellung nehmen.

Unser Hauptzweck ist, nüchtern zu bleiben und anderen Alkoholikern zur Nüchternheit zu verhelfen.“

-Präambel der Anonymen Alkoholiker

 

Soweit die offiziellen Worte, aber was bedeutet das denn bitte konkret?

Jeden Dienstagabend von 19 bis 21 Uhr gehe ich in das St. Andreas-Gemeindehaus in Bad Lauterberg. Jeden Dienstag sage ich nur meinen Vornamen, setze mich an einen Kreis aus Tischen und jeden Dienstag höre ich zu. Alles, worauf es ankommt, ist der Wunsch, mit dem Trinken von Alkohol aufzuhören. Jeder hat sein Päckchen zu tragen und jeder hat einen anderen Weg, dies zu tun.

 

Für immer – das ist ziemlich lang

Ich höre erst mal nur zu, lausche den Geschichten der Männer und Frauen, die seit Jahren trocken sein können und auch noch behaupten, damit glücklich zu sein. Als ich kapituliert habe, konnte ich mir nicht vorstellen, dass überhaupt schon ein Otto-Normal-Bürger sich vorstellen könnte, einen Monat nicht zu trinken.

Einen Monat, kein Bier beim Grillen, keinen Wein auf dem Balkon, keinen Sekt zu Geburtstagen, keinen Glühwein auf dem Weihnachtsmarkt. Können Sie sich das vorstellen? Nicht nur einen Monat, sondern für immer, was bekanntlich ja ziemlich lang ist?

Einen Entzug zu machen, ist schon mal eine Sache, aber danach muss ich ja ganz neu lernen, mit mir umzugehen. Ich habe keine Ausreden mehr, warum ich zu irgendwem das Falsche gesagt habe oder warum ich jetzt abhauen muss. Ich muss mich mir selbst stellen und mit klarem Blick und ohne Ausreden mein Leben erlebbar und erstrebenswert gestalten. Da das leider kein Fach in der Schule ist, habe ich bisher nicht gelernt, wie ich mich selbst glücklich mache.

 

Stärke und Verständnis finden

Aber dann ist da der entspannte Klaus, der sagt immer: „Es ist wieder eine Woche vergangen, in der ich nicht trinken musste“ – seit 24 Jahren. Und er erzählt von seiner Woche und von seinen Gedanken und Problemen und auch von seinen Erinnerungen. Und wir hören zu, alle. Keiner wird unterbrechen, keiner wird einen Kommentar oder eine Meinung dazwischen werfen. Jeder kann einfach mal reden, jedem wird einfach mal zugehört. Mir auch, wenn ich mich melde. Hilfe zur Selbsthilfe.

„Ich bin froh, dass ich nicht trinke, und dankbar, dass ich nicht trinken muss“, sagt Jürgen und erzählt von seinem langen harten Weg, bis er sein nüchternes Leben und in ein neues Denken gefunden hat. Wie das mit seiner Frau und seiner Familie funktioniert hat und wie er heute mit Situationen umgeht, in denen er früher getrunken hätte. Und seien wir ehrlich, es gibt viele Situationen, in denen oder für welche einem Alkoholiker einfällt, trinken zu müssen. Der Redestoff geht uns mit Sicherheit nicht aus.

Was ich mag, ist die Herzlichkeit, und dass jeder so sein darf, wie er ist, in der Gruppe. Wenn der Wunsch die einzige Bedingung ist und wir unsere Erfahrung, Kraft und Hoffnung teilen, finden wir in der Gemeinschaft Stärke und Verständnis, die sonst bei diesem Thema schwer zu finden ist. Wir sind alle Experten im Thema des Alkoholismus, denn jeder hat es erlebt und lebt immer noch damit. Ob seit zwölf Wochen oder 30 Jahren, macht da keinen Unterschied.

 

Gemeinsam nach Lösungen suchen

„Ich finde, jeder sollte eine Selbsthilfegruppe besuchen, das zeigt mir immer ganz neue Perspektiven“, sage ich und Alex und Christiane lächeln mir herzlich zu. „Wenn es dir gut geht, geh ins Meeting, wenn es dir schlecht geht, renn ins Meeting“, sagt Heinz-Günther und ich weiß, dass das die Wahrheit ist, aus Erfahrung.

Ich hoffe, dass wir vielleicht Menschen erreichen, nicht nur durch die Jubiläumsfeier am 11. November 2017, sondern eben auch durch solche Texte für die Zeitung. Vielleicht findet jemand, der sich einsam fühlt, bei uns sein Gehör, seinen Anschluss. Vielleicht kommen am letzten Dienstag im Monat wieder mehr zu den offenen Meetings. Alanons (Angehörige von Alkoholikern) oder Alateens (Kinder von Alkoholikern) widmen sich sogar eigenen Gruppen, welche auf dem Konzept der Anonymen Alkoholiker beruhen.

Wer Interesse hat, ist herzlich eingeladen uns zu kontaktieren, zu informieren, mit uns Lösungen zu suchen.

Eine Anonyme Alkoholikerin

 

 

Infomeeting „40 Jahre AA in Bad Lauterberg“

Anlässlich des 40-jährigen Bestehens laden die Anonymen Alkoholiker in Bad Lauterberg am Samstag, 11. November 2017, zum Meeting in der St. Andreas-Kirche ein. Um die Anonymität zu wahren, wird es von einer anderen AA-Gruppe ausgerichtet. Einlass ist ab 13 Uhr, das Meeting beginnt um 14 Uhr. Es sprechen ein Alkoholiker, ein Angehöriger sowie ein Arzt. Im Anschluss, gegen 16 Uhr, wird eingeladen zum gemütlichen Beisammensein bei Kaffee und Kuchen im Gemeindehaus.


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