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Freitag, 16. November 2018

Aktuell


Geschrieben von ski am 08. Mai 2013
Aktuell

Stolpersteine gegen das Vergessen

Am Samstag kommt der Künstler Gunter Demnig nach Bad Lauterberg, um Stolpersteine ins Pflaster einzusetzen

Schuhladen Pelz um 1930 (Bild: Archivgemeinschaft)
Schuhladen Pelz um 1930 (Bild: Archivgemeinschaft)
Hannelore Pelz um 1932 (Bild: Archivgemeinschaft)
Hannelore Pelz um 1932 (Bild: Archivgemeinschaft)


Eine besondere Form des Gedenkens an die Opfer der NS-Zeit gibt es bereits in über 500 Städten: eine Form, über die man gewissermaßen stolpert. An ihrem letzten selbstgewählten Wohnort setzt der Künstler Gunter Demnig Gedenksteine in das Straßenpflaster. Über 27 000 sind es bereits in Deutschland. Jeder Stolperstein wird in der Werkstatt des Künstlers von Hand gefertigt und von Demnig selbst eingesetzt.

Die Messingplatten tragen die Namen und Daten von Verfolgten des Naziregimes. „Wer sich bückt, um den Namen zu lesen, der verneigt sich vor den Opfern“, hat Demnig einmal erklärt.
Am Samstagnachmittag werden erstmals Stolpersteine in Bad Lauterberg und in Bartolfelde gesetzt.

Die Archivgemeinschaft Bad Lauterberg hat sich auf die Spurensuche begeben und die noch vorhandenen Quellen und Archive ausgewertet, um die Geschichte der Opfer zu rekonstruieren.

Die jüdische Familie Max und Clara Pelz geb. Baruch und ihre Tochter Hannelore wohnten in Bad Lauterberg in der Ahnstraße 3. In der Hauptstraße 166a waren die Geschäfts-, Büro- und Lagerräume des Schuhgeschäftes „Max Pelz“. Die Wohnung Ahnstraße 3 und das Geschäft in der Hauptstraße 166A behielt die Familie bis Mitte 1937. Sie zog dann für nur 35 Tage in die Lutterstraße, in das ehemalige Haus Nr. 24, die Villa Weiß. Im gleichen Jahr im August 1937 zog die Familie Pelz nach Nordhausen in die Rautenstraße 16.

Nach Aussage von Tochter Hannelore (heute Frau Hannah Raban), die den Holocaust überlebte, musste die Familie die Wohnung Ahnstraße 3 räumen. Vermutlich war der Wohnungswechsel durch die damaligen politischen Verhältnisse erzwungen worden und mit Sicherheit nicht freiwillig erfolgt. Es war ein Gesetz der Reichsregierung in Vorbereitung, welches die Mietverhältnisse mit jüdischen Personen regeln sollte und welches die Arisierung des Wohnraumes vorsah. Dieses Gesetz ordnete die Zusammenlegung von jüdischen Familien in „Juden- oder Gettohäusern und die Entjudung des arischen Wohnraumes“ an.

Familie Pelz verließ am 13.08.1937 Bad Lauterberg und zog nach Nordhausen, wo es eine große jüdische Gemeinde gab, in die Rautenstraße 16. Verarmte oder obdachlos gewordene jüdische Familien fanden dort Unterkunft. Wie lange die Familie dort wohnte, ist nicht mehr zu ermitteln, da von Nordhausen keine Meldeunterlagen mehr existent sind.

Ein letztes Lebenszeichen der Familie gab es 1939. Die Kriminalpolizei Nordhausen teilte der Bad Lauterberger Stadtverwaltung mit, dass der Kaufmann und Webereiarbeiter Max Pelz anlässlich der antijüdischen Aktionen am 10.11.1938 (Juden- Pogrome in Deutschland) nach Brüssel geflüchtet sei und sich noch dort befinde. Dort wurde er von jüdischen Organisationen unterstützt, vermutlich hat er auch einen Ausweg für seine Familie gesucht, um Deutschland zu verlassen.

Max Pelz wurde in Belgien oder vielleicht auch in Frankreich inhaftiert, in ein Sammellager nach Frankreich gebracht und von dort wieder nach Deutschland in ein nicht bekanntes Lager deportiert. Mit dem Osttransport Nr. 21 wurde er von Berlin nach Riga deportiert und ist dort vermutlich bei den Massenerschießungen von Lettischen SS- Verbänden oder den Deutschen Reserve-Polizei-Bataillonen im Wald von Riga- Bikernieki erschossen worden.

Clara Pelz wurde von Nordhausen aus über Berlin mit dem Osttransport Nr. 30 im Jahr 1942 nach Auschwitz- Birkenau deportiert. Sie ist dort umgebracht worden.

Die Tochter Hannelore Pelz kam 1939/ 1940 in ein jüdisches Vorbereitungslager für die Ausreise nach Palästina. Über Donau, Schwarzes Meer und Mittelmeer kam sie 1940 auf abenteuerlichen Wegen nach Palästina, wo sie heute noch in einem Kibbuz nahe Haifa lebt.

Allein im Jahr 1933 kamen 51 Einwohner Bad Lauterbergs, die politisch nicht der Nazi- Partei oder deren Organisationen angehörten und somit als verdächtig galten in ein KZ- Lager und anschließend für etliche Jahre in ein Gefängnis oder Zuchthaus. Fünf von diesen politischen Häftlingen wurden in den Lagern umgebracht.

Es waren der Kommunistische Landtagsabgeordnete Karl Peix, der Müller Otto Bockelmann, der Maler Bruno Maue, der Tischler Karl Pape und der Schmied Adolf Jahn aus Bartolfelde.

Für die kommunistischen Opfer Karl Peix, Otto Bockelmann und Bruno Maue setzte der Verein der Verfolgten des Nazi-Regimes (VVN) einen Gedenkstein am Felsenkeller im Kurpark.
Für die verbleibenden Opfer Karl Pape, der zuletzt in der Hauptstraße 21 wohnte, und Adolf Jahn, der in Bartolfelde lebte, werden am Samstag Stolpersteine an ihren jeweils letzten Wohnort gesetzt.

Im Beisein von Vertretern der Archivgemeinschaft und der Stadt wird Demnig gegen 17 Uhr mit dem Setzen der Steine in der Hauptstraße beginnen.
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