Montag, 18. Dezember 2017

Geschrieben von Boris Janssen am 02. Juli 2012

Das Thema

Zeitreise auf der Königshütte

Die Königshütte ist ein faszinierender Ort. Davon hat sich Ende Juni auch der Vorstand der Mühlenvereinigung Niedersachsen-Bremen überzeugt. Er besichtigte die ungewöhnlich große Getreidemühle.

Komplexe Mechanik: Über Zahnräder und heute nicht mehr vorhandene Riemen wurde die Kraft vom Wasserrad auf die Maschinen in den oberen Etagen umgelenkt. Das Wasser wiederum wird nach wie vor am Scholmwehr in den Hüttengraben umgeleitet.
Komplexe Mechanik: Über Zahnräder und heute nicht mehr vorhandene Riemen wurde die Kraft vom Wasserrad auf die Maschinen in den oberen Etagen umgelenkt. Das Wasser wiederum wird nach wie vor am Scholmwehr in den Hüttengraben umgeleitet.
Die Turbine in der Getreidemühle. Im Moment steht sie still, weil wegen der Sanierung der Odertalsperre zu wenig Wasser durch die Oder und damit auch durch den Hüttengraben fließt.
Die Turbine in der Getreidemühle. Im Moment steht sie still, weil wegen der Sanierung der Odertalsperre zu wenig Wasser durch die Oder und damit auch durch den Hüttengraben fließt.
Noch immer stehen viele Müllereimaschinen in der alten Mühle. Einige davon wurden auf der Königshütte hergestellt.
Noch immer stehen viele Müllereimaschinen in der alten Mühle. Einige davon wurden auf der Königshütte hergestellt.
Die Delegation der Mühlenvereinigung Niedersachsen-Bremen mit dem Vorsitzenden Rüdiger Heßling (2.v.l.), Gastgeber Volker Puhrsch (r.) und Bürgermeister Dr. Thomas Gans (l.). Im Hintergrund die große Getreidemühle.
Die Delegation der Mühlenvereinigung Niedersachsen-Bremen mit dem Vorsitzenden Rüdiger Heßling (2.v.l.), Gastgeber Volker Puhrsch (r.) und Bürgermeister Dr. Thomas Gans (l.). Im Hintergrund die große Getreidemühle.
Neugierig gingen die fachkundigen Besucher in der Getreidemühle auf Entdeckungsreise.
Neugierig gingen die fachkundigen Besucher in der Getreidemühle auf Entdeckungsreise.
Noch heute ist die Getreidemühle bis unter das Dach mit historischen Maschinen bestückt. Sie alle zu restaurieren würde viel Geld verschlingen. Dazu kommt der enorme Sanierungsbedarf des Gebäudes selbst.
Noch heute ist die Getreidemühle bis unter das Dach mit historischen Maschinen bestückt. Sie alle zu restaurieren würde viel Geld verschlingen. Dazu kommt der enorme Sanierungsbedarf des Gebäudes selbst.
Zwischen den Maschinen ist es selbst jetzt recht eng. Wie mag es wohl im Betrieb gewesen sein, als sich dazu auch Riemen und Gestänge bewegten?
Zwischen den Maschinen ist es selbst jetzt recht eng. Wie mag es wohl im Betrieb gewesen sein, als sich dazu auch Riemen und Gestänge bewegten?
Die große Welle in der untersten Etage kann auch heute noch von Wasserkraft aus dem Hüttengraben bewegt werden – wenn auch indirekt. Der Antrieb erfolgt jetzt elektrisch mit Strom, den die Turbine im Nachbarraum erzeugt.
Die große Welle in der untersten Etage kann auch heute noch von Wasserkraft aus dem Hüttengraben bewegt werden – wenn auch indirekt. Der Antrieb erfolgt jetzt elektrisch mit Strom, den die Turbine im Nachbarraum erzeugt.

Mühle. Bei diesem Wort sehen die meisten Menschen große, lange Flügel vor sich. Flügel, die sich majestätisch in die Luft erheben, ja eigentlich sogar dagegen. Windmühlen eben. Auch im Logo der Mühlenvereinigung Niedersachsen-Bremen (externer Link) stechen die Flügel sofort ins Auge. Wer aber genauer hinsieht, erkennt einen kleinen Wasserlauf – und ein Wasserrad. Natürlich, es gibt auch Wassermühlen.

 

Wasserkraft nutzen – im Harz Weltkulturerbe

Nun ist es im Harz abseits der ganz hohen Gipfel eher windstill. Ungünstig für Windmühlen. Dafür fließt hier reichlich Wasser. Also nutzen die Menschen im Harz seit Jahrhunderten die Wasserkraft. Zum Teil wird das Wasser sogar kunstvoll durch das Gebirge gelenkt – so kunstvoll, dass die UNESCO die Oberharzer Wasserwirtschaft zum Weltkulturerbe ernannte. Auch heute wird die Wasserkraft noch genutzt. Auf der Bad Lauterberger Königshütte zum Beispiel drehen sich noch immer zwei Turbinen, angetrieben vom Wasser aus dem Hüttengraben. Und das stammt aus der Oder sowie dem Wiesenbeker Teich, der ja auch zu dem Weltkulturerbe gehört.

 

Entdeckungsreise auf der Königshütte

Eine der Turbinen der Königshütte steht dort, wo sich schon in vergangenen Zeiten Räder, Riemen und ausgetüftelte Mechanik bewegten, wenn das Wasser auf die Schaufelräder rauschte: in der alten Getreidemühle. Das ist das große Gebäude am Ende des Grabens, kurz bevor das Wasser wieder in die Oder fließt. Mit der Turbine, ein paar Stromleitungen und einer Handvoll Lampen hat die Elektrizität Einzug gehalten. Ansonsten atmet das alte Gemäuer längst vergangene Geschichte. Es riecht nach trockenen Holzbalken und jeder Menge Staub. Draußen strahlt endlich die Sonne, trotzdem ist es in der Mühle dämmerig und kühl. Hier und da bahnt sich ein Lichtstrahl seinen Weg durch Fenster, Ritzen und die vielen Löcher, mit denen die Böden der vier oberen Etagen übersät sind. In der untersten sind auf einer langen Welle große Räder aufgereiht. Auf ihnen liefen einst die Transmissionsriemen, die die Kraft auf andere Räder umlenkten. Die Etagen darüber ruhen auf mächtigen Holzbalken und auf Eisensäulen, die auf der Königshütte gegossen wurden. Hier kann sie noch bewundert werden, die ausgeklügelte Mühlentechnik der Vergangenheit. Hier stehen noch viele der Maschinen, die das Korn siebten und sortierten, zerkleinerten und schließlich zermahlten – und auch von ihnen wurden etliche auf der Königshütte hergestellt. Durch die Löcher im Boden wurden wohl einmal Riemen und Gestänge geführt. Auch die eine oder andere Schraubenwelle verläuft im Boden. Die Müller mussten damals bestimmt bei jedem Schritt höllisch aufpassen. Und mit jeder Etage, die es nach oben geht, wird es enger, bis unter das Spitzdach, unter dem ein 1,80-Meter-Mann kaum noch stehen kann. Was mag das für ein Krach gewesen sein, wenn sich die im gesamten Gebäude verteilten Tonnen aus Holz und Metall bewegt haben?

 

Mühlenfreunde besuchen Bad Lauterberg

Die Mitglieder der Mühlenvereinigung Niedersachsen-Bremen (MVNB) dürften davon eine ungefähre Ahnung haben. Am Samstag (30.06.2012) war der Vorstand auf der Königshütte zu Gast. Für seine Sitzung in Bad Lauterberg nahmen die meisten Vorstandsmitglieder eine Tagesfahrt von mehreren hundert Kilometern in Kauf – sie kommen halt überwiegend aus dem Nordwesten Niedersachsens, dem Land der Windmühlen. Aber man habe auch die südliche Region endlich einmal würdigen wollen, erklärte der Vorsitzende Rüdiger Heßling. Außerdem stand unter anderem die Erweiterung der Niedersächsischen Mühlenstraße zwischen dem südlichem Harz und Göttingen auf der Tagesordnung. Und nicht zuletzt sei der Besuch ein Dankeschön an Volker Puhrsch von der Königshütte, der zugleich Regionalbeauftragter der MVNB ist, und vor Kurzem die Ausbildung zum „Freiwilligen Müller“ absolviert hatte.

 

„Freiwillige Müller“ erhalten wertvolles Wissen

Solch Freiwillige Müller lernen in einem 160-stündigen Kurs, wie sie mit einer alten Mühle umgehen müssen. 120 Stunden davon befassen sie sich mit Praxis: „Sie lernen dabei, fachgerecht mit der alten Technik umzugehen“, erläuterte Heßling. Dazu kommen Wind-, Wetter- und Rechtskunde, aber auch ein bisschen Marketing und Pädagogik. Am Ende können die Freiwilligen Müller mit einer alten Mühle fachgerecht arbeiten und ihr Wissen an Interessierte weitergeben, zum Beispiel in Museen. Oder sie beraten Eigentümer alter Anlagen, die zwar eine historische Mühle besitzen, aber weder wissen, wie sie die Technik beherrschen sollen, noch, wie sie sie einigermaßen kostengünstig erhalten können. Sie wissen auch, wie sie Produkte aus den alten Mühlen bei den heutigen strengen Hygienevorschriften verwerten können. Auf diese Weise sollen möglichst viele Wind- und Wassermühlen als „arbeitende Denkmäler“ erhalten bleiben. Den Sinn erklärt Heßling so: „Es geht nicht darum, ein altes Handwerk am Leben zu halten, das durch moderne Technik nicht mehr erforderlich ist. Es geht darum, nachvollziehbar zu machen, wie das heutige Handwerk entstanden ist.“ Es sei groß, das Interesse an der Ausbildung zum Freiwilligen Müller – im Übrigen ein grenzüberschreitendes Projekt mit Gleichgesinnten in der benachbarten niederländischen Region. Und stolz erzählte Heßling davon, dass die MVNB besonders viele Frauen und viele junge Leute als Freiwillige Müller habe gewinnen können, zum Teil sogar Jugendliche.

 

Spannende Kombination: Riesige Mühle und Eisenhütte

Die Besichtigung der Harzer Getreidemühle dürfte für den MVNB-Vorstand freilich der Höhepunkt des Tages gewesen sein. Neugierig krochen die Mühlenfreunde in jeden Winkel des Gemäuers, freuten sich über die alten Maschinen, versuchten die Räder zum Drehen zu bringen und beäugten auch den Zustand des Gebäudes an sich. Dazu kam die spannende Kombination der riesigen Mühle mit der Tatsache, dass auf der Königshütte eben auch solche Müllereimaschinen hergestellt wurden.

Dass die Getreidemühle in Bad Lauterberg etwas ganz besonderes ist, ist für Rüdiger Heßling keine Frage. Ihr Erhalt erscheint ihm aber schwierig: Das Gebäude sei so groß, das Innenleben so umfangreich. Dazu komme der enorme Sanierungs- und Sicherungsbedarf. „Als realistische Perspektive sehe ich, einen Teilbereich des Gebäudes nach und nach herzurichten und für Publikum freizugeben, das sich für die Maschinen interessiert“, sagte er. Ein arbeitendes Denkmal aber hält Heßling für eher unwahrscheinlich, obwohl ein weitergehendes Konzept absolut wünschenswert wäre. Denn es gebe vor allem zwei ganz große Probleme, die überall in Niedersachsen und Bremen dieselben seien: die Schwierigkeit, Fördergelder zu bekommen, und der Denkmalschutz.

 

Die Unbilden des Denkmalschutzes

Bürgermeister Dr. Thomas Gans konnte dem Vorstand da natürlich keine unerwarteten Hoffnungen machen. Die Stadt hat keinerlei finanzielle Spielräume. Und die Kritik am Denkmalschutz war Wasser auf des Bürgermeisters Mühlen: Die Verwaltung sitzt schließlich selbst in einem denkmalgeschützten Haus, das dringend saniert werden müsste. Allein, die Vorgaben des Denkmalschutzes seien so hoch, dass sich die Stadt die Sanierung nicht leisten könne, bemerkte Gans. Auf diese Weise schade der Denkmalschutz so manches Mal seinem eigenen Anliegen. So warb der Bürgermeister beim MVNB-Vorstand denn auch lieber für Unverfängliches: dafür, die nächste Jahreshauptversammlung nach Bad Lauterberg zu vergeben.

Also wurde an diesem Tag vor allem bestätigt, was der rührige Förderkreis schon seit langem weiß: Die Königshütte ist ein Bad Lauterberger Juwel. Einer, der dringend poliert werden müsste. Dafür bräuchte es wohl eines Unerschrockenen wie Don Quijote, der den Kampf aufnimmt gegen die Finanznot, übertriebene bürokratische Auflagen und überzogenen Denkmalschutz – einen Kampf gegen, nun ja, Windmühlen.


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