Montag, 18. Dezember 2017

Geschrieben von Boris Janssen am 05. Juli 2012
Das Thema

Liebesschlösser über der Oder

Rom, Salzburg, Köln, Hamburg – und nun also auch Bad Lauterberg. Ein europäischer Trend erobert den Harz: An der Wilhelmi-Brücke zwischen Kurpark und Scholmzeche hängen erste Liebesschlösser.

Die Wilhelmi-Brücke am Kurpark: An ihrem filigranen Geländer hängen die ersten Liebesschlösser in der Stadt.
Die Wilhelmi-Brücke am Kurpark: An ihrem filigranen Geländer hängen die ersten Liebesschlösser in der Stadt.
Ein Liebesschloss kann auch nach Jahrzehnten noch angebracht werden. M und S zum Beispiel feiern offenbar ein silbernes Jubiläum.
Ein Liebesschloss kann auch nach Jahrzehnten noch angebracht werden. M und S zum Beispiel feiern offenbar ein silbernes Jubiläum.
Steffen und Michelle verbinden mit ihrem Schloss eine Herzensangelegenheit. Es muss nicht gleich eine Hochzeit sein.
Steffen und Michelle verbinden mit ihrem Schloss eine Herzensangelegenheit. Es muss nicht gleich eine Hochzeit sein.
Schlösser würden das Geländer der Kasseler Drahtbrücke über die Fulda beschädigen. Die Stadt hat stattdessen die Tore der Brücke freigegeben. (Foto: Luisa Janssen)
Schlösser würden das Geländer der Kasseler Drahtbrücke über die Fulda beschädigen. Die Stadt hat stattdessen die Tore der Brücke freigegeben. (Foto: Luisa Janssen)
Besonderes Urlaubssouvenir: „L + P“ erinnern mit ihrem Schloss an ihre Ferien, die sie wohl im Harz verbracht haben.
Besonderes Urlaubssouvenir: „L + P“ erinnern mit ihrem Schloss an ihre Ferien, die sie wohl im Harz verbracht haben.
Auf dem herkömmlichen Wege dürften diese Schlösser nicht mehr zu öffnen sein. Dem Brauch folgend sollten die Schlüssel nämlich darunter in der Oder liegen.
Auf dem herkömmlichen Wege dürften diese Schlösser nicht mehr zu öffnen sein. Dem Brauch folgend sollten die Schlüssel nämlich darunter in der Oder liegen.

Für kaum einen Zweck hat die Menschheit mehr Rituale erfunden als für Paare, die sich selbst und anderen ihre Liebe beweisen wollen. Im westlichen Kulturkreis des 21. Jahrhunderts sind das unter anderem Schmuckringe für jedes Stadium (von Freundschaft, Partnerschaft und Verlobung bis hin zur Ehe), das Zurschaustellen vergilbter, verknitterter, ins Scheckkartenfach des Portemonnaies gestopfter Passfotos an der Supermarktkasse und Namenstattoos, die gleich doppelt schmerzhaft sein können – erst beim Stechen und später bei einer Trennung.

Seit einigen Jahren erfreut sich ein neues Ritual rasant steigender Beliebtheit: Erst schließen Paare den Bund für Leben und hernach ein Vorhängeschloss an das Geländer einer Brücke. Und damit auch der Hoffnung auf ewige Liebe Ausdruck verliehen wird, landen die Schlüssel unwiederbringlich im darunter fließenden Gewässer. In etlichen europäischen Großstädten hängen schon ganze Geländer voll. Nun sind auch über der Oder in Bad Lauterberg die ersten Liebesschlösser verschlossen worden. An der Wilhelmi-Brücke zwischen Kurpark und Scholmzeche künden sie von der Zuneigung ihrer Besitzer zueinander.

Roman macht alten Brauch bekannt

Vermutlich hat der Ursprung dieses Brauchs gar nicht so viel mit Liebe zu tun: Urheber sollen Absolventen der Sanitätsakademie San Giorgio in Florenz sein, die nach ihrer Ausbildungszeit – warum auch immer – die Vorhängeschlösser ihrer Spinde mit nach Rom nahmen und an die Brückenlaterne auf der Milvischen Brücke über den Tiber hängten. Verliebte sollen das als Brauch übernommen haben. Bekannt wurde das Ritual dann durch den Roman „Ich steh auf Dich“ von Federico Moccia. Darin schwören sich die beiden Hauptpersonen „Ewige Liebe“, befestigen ein Schloss an einer Brückenlaterne und werfen den Schlüssel – na klar – in den Tiber.

40.000 Schlösser in vier Jahren

Seit das Buch im Jahr 2007 erschien (im Original bereits 2006) und auch verfilmt wurde, tauchen an immer mehr Brücken Liebesschlösser auf. Naturgemäß trifft es oft bekannte Bauwerke, wie die Hohenzollernbrücke in Köln. Dort wurden die ersten Schlösser vor gerade einmal vier Jahren aufgehängt – mittlerweile sind es über 40.000. Wie schnell der Brauch beliebt wurde, zeigt sich auch an der Schwanenwikbrücke an der Außenalster in Hamburg. Auf Googles Street View, datiert auf März 2010, ist das Geländer noch nackig. Wie aber auf den dort verlinkten Panoramio-Fotos zu sehen ist, mussten die angehenden Schlossherren dann im Oktober 2011 schon ganz schön lange gucken, um noch ein schönes Plätzchen für das eigene Objekt zu finden.

Die ungewöhnlich starke Nachfrage nach einem so profanen Eisenwaren-Artikel, der ansonsten eher ein Schattendasein an Kellerverschlägen oder an den Türen von Mülltonnenschuppen fristet, hat sich natürlich auch im Marketing niedergeschlagen. Im Viertel um die Schwanenwikbrücke bewerben die Schlüsseldienste in ihren Schaufenstern das Standard-Liebesschloss-Modell, ein grundsolides Abus-Produkt, und dessen große Farbpalette. Grün, blau, rosa – für jeden Geschmack ist was dabei. Außerdem entfällt mittlerweile die Mühsal, das Schloss mit geeignetem Stift möglichst leserlich zu beschriften. Beim Kauf kann man die Gravur gleich mitbestellen.

Liebesschlösser kommen ins Museum

Leider aber ist an der Schwanenwikbrücke fürs Erste Schluss mit der Schlosserei: Das Geländer wurde Anfang Juni abgebaut – und mit ihm die Liebesschlösser. Damit stieß die zuständige Landesbehörde auf wenig Gegenliebe, aber die 130 Jahre alte Brücke muss halt dringend saniert werden. Weil es den Verantwortlichen denn auch selbst ein wenig Leid tut, haben sie die Liebesbeweise im Schonverfahren von den Eisenteilen geschieden. Im September sollen die Schlösser sogar im Museum für Hamburgische Geschichte ausgestellt werden. Und was passiert nach der Sanierung? Vielleicht gibt es eine neue Schlossschwemme. Vielleicht aber haben sich dann andere Orte etabliert – auch in der Speicherstadt sind schon Geländer behängt.

Behörden ohne Gnade und eine Stadt mit Herz

Nicht alle Stadtverwaltungen nehmen den Brauch so locker oder freuen sich gar darüber. In Berlin rückt man den Schlössern mit Bolzenschneidern zu Leibe – allen Schlössern, überall. Die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung will das so. Schließlich habe eine Brücke die „Funktion, von A nach B zu führen“. Punkt. Da einfach Vorhängeschlösser anzubringen, das ist eine Ordnungswidrigkeit – und könnte 35 Euro kosten. Nun, im Vergleich zu Venedig eine geradezu nachsichtige Behandlung. In der Lagunenstadt sollen 3000 Euro fällig werden.

Zugegebenermaßen können die Liebesschlösser auch zum Problem werden. Sie können die Ansicht eines Denkmals stören. Sie können Rostschäden verursachen. Und in ausreichender Zahl können sie Laternen zum Umknicken bringen – so geschehen anno 2007 in Rom. Wohlgesinnte Stadtverwaltungen – wie die in Rom – schützen aber ihre Bauwerke nicht nur einfach durch Verbote. Sie lassen sich auch Alternativen einfallen, bauen den Liebenden sozusagen Brücken. Das können neu gespannte Ketten sein oder extra ausgewiesene Aushangstellen. In Bad Bevensen wurde sogar ein gitternes Liebesherz samt Wunschbank aufgestellt, auf der die Paare gleich noch für ein Erinnerungsfoto Platz nehmen können.

Wo ein paar Tonnen nicht ins Gewicht fallen

In Köln sind die Liebesschlösser längst zum regelrechten Kult geworden und haben sogar den Weg ins kölsche Liedgut gefunden: In „Schenk mir Dein Herz“ hängen auch die Höhner eine Liebesplombe ans Eisen. Die Bahn, der die Hohenzollernbrücke gehört, nimmt es nach anfänglicher Skepsis und früher Bolzenschneiderei längst gelassen. Da über die Eisenbahnbrücke 350 Tonnen schwere Züge führen, fielen die geschätzten zwei Tonnen Schlösser wirklich nicht, naja, ins Gewicht. Und den Mahnungen von Umweltschützern, die ob der vielen Schlüssel Gewässerschäden befürchten, hält das städtische Umweltamt entgegen: „Ein altes Fahrrad im Rhein wiegt mehr als tausend Schlüssel.“

Bad Lauterbergs Bürgermeister bleibt entspannt

Tja, und nun gibt es also die ersten Liebesschlösser in Bad Lauterberg – am Geländer der Wilhelmi-Brücke. Es ist wohl auch das einzige in der Stadt, das sich dafür eignet: über Wasser, schön gelegen und filigran geschmiedet. Und so schnell ist nicht damit zu rechnen, dass der Bauhof ans Schlösserknacken geht. Bürgermeister Dr. Thomas Gans jedenfalls sieht den Trend völlig entspannt. „Wir schauen uns das erst einmal an.“ Wenn es doch zu Schäden kommen sollte oder sonstige Probleme auftauchen, könne man ja immer noch reagieren. Eigentlich freut sich der Bürgermeister sogar und sieht touristisches Potenzial. „Es wäre doch toll, wenn die Menschen wiederkommen, um zu sehen, ob ihr Schloss noch hängt.“

Ganz abwegig ist das nicht. „L + P“ zum Beispiel haben ihr Anhängsel mit „Urlaub 3/2012“ beschriftet. Vielleicht zeugt ihr Schloss ja nicht nur von ihrer Liebe. Vielleicht bedeutet es auch, sie fühlen sich mit Bad Lauterberg verbunden.

 

 

 

 

 

 


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