Montag, 26. Juni 2017

Geschrieben von Boris Janssen am 25. November 2015
Hintergrund

Warum fahren die Lastwagen durch die Dörfer?

Vier Theorien, wieso der Schwerlastverkehr noch nicht aus Barbis und Osterhagen verschwunden ist, und was es mit der Lkw-Maut eigentlich auf sich hat

Bundesstraße plus Schnellstraße – das bedeutet jetzt fast immer Lkw-Maut. Ist die Maut auf der B 243n Schuld daran, dass an Barbis Zoll noch immer viele Lastwagen abfahren?
Bundesstraße plus Schnellstraße – das bedeutet jetzt fast immer Lkw-Maut. Ist die Maut auf der B 243n Schuld daran, dass an Barbis Zoll noch immer viele Lastwagen abfahren?

Weil auch ein Jahr nach Freigabe der B 243n noch immer viele Lastwagen durch Barbis und Osterhagen fahren, wollen sich Rat und Stadtverwaltung nun für ein Durchfahrverbot starkmachen. Aber wo kommt das Problem eigentlich her? Aufgrund von Beobachtungen und auch Befragung von Lkw-Fahrern haben die Anwohner der Ortsdurchfahrten mehrere Theorien entwickelt, warum es mit der Umgehung noch nicht so richtig klappt.

 

Theorie 1: Alte Navis

Leider gibt es für die wenigsten Navis automatische Updates. Das heißt, es sind unzählige Geräte unterwegs, die die neue B 243 noch immer nicht kennen. Kommt nun jemand aus Mackenrode, wird er wohl schnell erkennen, dass sein Navi veraltet ist – schließlich gibt es hier die ursprüngliche Streckenführung nicht mehr und man kommt automatisch auf die neue Straße. Aus Richtung Herzberg sieht das dagegen ganz anders aus: Die freundlichen Anweisungen aus dem Navi gehen wunderbar auf, zumindest bis zum Kreisel an der Branntweinseiche, aber da hat man die Umgehungsstraße dann ja eh schon fast komplett umfahren.

 

Theorie 2: Ungünstige Beschilderung

Nun könnte man dagegenhalten: Wer Schilderlesen kann, ist klar im Vorteil. Stimmt. Aber erstens machen das viele Navi-Nutzer offenbar nicht, weil sie sich darauf verlassen, ihr Gerät suche schon die beste Routenführung heraus. Und zweitens ist ja über die alte Strecke auch ausdrücklich eine Umleitung nach Nordhausen ausgeschildert. Ob schon ein zusätzlicher auffälliger Hinweis auf die A 38 die Leute auf der B 243 halten könnte?

 

Theorie 3: Starke Steigung

Die Brücke hoch zur Koldung hat es in sich: eine Steigung von sechs Prozent – und bis es dahinter flacher wird, dauert‘s ein bisschen. Kein Geschenk für schwere Lastwagen, und obendrein ein Spritfresser. Aber ist der Leidensdruck wirklich so hoch? Oder lockt nicht doch die Aussicht auf gesparte Maut?

 

Theorie 4: Die Maut

Seit Juli 2015 unterliegt auch die B 243n der Lkw-Maut. Denn mautpflichtig sind seitdem – neben allen Bundesautobahnen – alle Bundesstraßen oder Abschnitte von Bundesstraßen, für die der Bund Träger der Baulast ist, die keine Ortsdurchfahrten sind, die mit zwei oder mehr Fahrstreifen je Fahrtrichtung ausgebaut sind, die durch Mittelstreifen oder sonstige bauliche Einrichtungen durchgehend (ausgenommen auf höhengleichen Kreuzungen) getrennte Fahrbahnen für den Richtungsverkehr haben und die entweder unabhängig von einer Mindestlänge unmittelbar an eine Bundesautobahn angebunden sind oder unabhängig von einer Mindestlänge mittelbar über eine andere mautpflichtige Bundesstraße an eine Bundesautobahn angebunden sind oder ohne an eine mautpflichtige Strecke angebunden zu sein, eine Mindestlänge von vier Kilometern aufweisen. Diese Kriterien sind abschließend, ein Ermessen für Behörden gibt es nicht.

Das heißt konkret für die Nutzer der B 243: Für fast die gesamte Strecke von Bad Sachsa West bis zur A 7 bei Seesen ist Lkw-Maut zu löhnen – nur die Ortsdurchfahrt Herzberg ist ausgenommen (wobei übrigens laut offizieller Mauttabelle die Maut zwischen Barbis und Herzberg, wo B 27 und B 243 gemeinsam verlaufen, für die B 27 anfällt, nicht für die B 243).

Die Mauttarife liegen seit dem 1. Oktober 2015 zwischen 8,1 Cent und 21,8 Cent pro Kilometer, je nachdem in welche der 24 Klassen der Lastwagen fällt. Es gibt vier Kategorien nach Anzahl der Achsen, womit sozusagen die Schädlichkeit des Fahrzeugs für die Straße eingruppiert wird (die „Kosten für die Infrastruktur“). Dazu kommen auf einer zweiten Ebene die „Kosten für die Luftverschmutzung“ (sechs Kategorien, eingeteilt nach Schadstoffklassen). Denn je schwerer ein Laster ist, desto mehr Schaden richtet er an der Straße an. Und es soll sich ja für die Speditionen lohnen, neue, „saubere“ Maschinen anzuschaffen. Das heißt aber auch, den größten Anreiz, zum Mautsparen durch die Dörfern zu fahren, hätten ausgerechnet die schwersten Dreckschleudern.

Lastwagen, die durch Barbis und Osterhagen fahren, sparen sich die Maut zwischen den Anschlussstellen Barbis und Bad Sachsa West. Gemäß der offiziellen Tabelle ist diese Strecke 8,4 Kilometer lang. Das heißt nach Adam Riese, je nach Einteilung des Lastwagens kostet eine Tour zwischen 0,68 Euro und 1,83 Euro Maut.

Maut-Umfahrer sparen zwar einerseits dieses Geld, verlieren aber andererseits viel Zeit. In Richtung Nordhausen ist die Strecke 0,7 Kilometer länger, als über die B 243n, in Richtung Herzberg sogar 1,2 Kilometer. Laut ADAC-Routenplaner dauert die Fahrt für einen Lastwagen über die Schnellstraße zehn Minuten, die Fahrt über die Dörfer aber ganze 20 Minuten – was allerdings nur dann gilt, wenn auch das Tempolimit eingehalten wird.

Ob die Bilanz unterm Strich tatsächlich fürs Abfahren von der Bundesstraße spricht? Das Bundesverkehrsministerium untersucht das natürlich im ureigensten, an hohen Einnahmen orientierten Interesse genau – und ist offenbar beruhigt. Es teilt dazu mit: „Im Zusammenhang mit der Einführung der Maut auf Bundesstraßen 2012 konnte festgestellt werden, dass lediglich 30 Kilometer (ca. 0,02 Prozent) der außerörtlichen Bundes- und Landesstraßen von wesentlichen mautbedingten Mehrbelastungen durch schwere Lkw betroffen sind.“

Allerdings verweist auch das Ministerium gleich darauf, „dass die zuständigen Straßenverkehrsbehörden nach § 45 Abs. 1 i.V.m. § 45 Abs. 9 Satz 3 der Straßenverkehrs-Ordnung erforderlichenfalls für Gemeindestraßen verkehrsbeschränkende oder -verbietende Maßnahmen anordnen können, wenn hierdurch die Auswirkungen von Mautausweichverkehren beseitigt oder gemildert werden können.“ Die genannte Paragraphen-Kombi ermöglicht ausdrücklich Fahrverbote „zum Schutz der Wohnbevölkerung vor Lärm und Abgasen“, „soweit dadurch erhebliche Auswirkungen veränderter Verkehrsverhältnisse, die durch die Erhebung der Maut nach dem Bundesfernstraßenmautgesetz hervorgerufen worden sind, beseitigt oder abgemildert werden können“.

Also dann…


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