Montag, 26. Juni 2017

Geschrieben von Sabine Kilzer und Boris Janssen am 29. August 2016

Hintergrund

Keine Fokussierung auf Göttingen

Kommunalwahl 2016: CDU-Landratskandidat Ludwig Theuvsen im Interview

„Wir haben Schwächen im ÖPNV.“ Ludwig Theuvsen setzt im Wahlkampf auf seine eigene Busverbindung – auch zum Bad Lauterberger Kurpark. (Foto: ski)
„Wir haben Schwächen im ÖPNV.“ Ludwig Theuvsen setzt im Wahlkampf auf seine eigene Busverbindung – auch zum Bad Lauterberger Kurpark. (Foto: ski)

Prof. Dr. Ludwig Theuvsen (Jahrgang 1963) ist Agrarökonom und seit 2002 Hochschullehrer an der Fakultät für Agrarwissenschaften der Georg-August-Universität Göttingen. Seit fast zehn Jahren ist er im Wissenschaftlichen Beirat des Bundesverbandes Öffentliche Dienstleistungen aktiv. Er ist erst seit 2011 Mitglied der CDU und bezeichnet sich selbst als Seiteneinsteiger, gleichwohl wählten ihn die Mitglieder der CDU-Kreisverbände Osterode und Göttingen einstimmig zum Kandidaten für die erste Landratswahl im fusionierten Landkreis Göttingen.

Im Gespräch mit Sabine Kilzer und Boris Janssen von LauterNEUES erklärte er, weshalb die Wählerinnen und Wähler „es doch mal mit einer anderen Lösung versuchen“ sollten und warum es mit ihm keine Fokussierung auf die Unistadt geben würde.

 

 

Herr Theuvsen, wenn wir Bad Lauterberger mal in Göttingen sind und sagen müssen, wo wir herkommen, dann antworten die Leute immer sofort: „Ach, das ist doch da, wo das tolle Schwimmbad ist.“ Waren Sie denn auch schon mal in den Bad Lauterberger Wellen?

(lacht) Ja, in den Wellen bin ich schon gewesen. Meine Frau und ich gehen ganz gerne in die Sauna und in Erlebnisbäder und da kennen wir natürlich auch das Bad Lauterberger Bad. Wir waren sogar schon mal als Touristen in der Stadt: 2006 war das, bei einer großen Harzquerung mit Gepäck, da waren wir einen Abend in einem Bad Lauterberger Hotel. Von daher kenne ich die Stadt gut. Und ich fahre gerne mit Gästen hierher. Wenn man vorher im Harz war, kann man immer noch schön in der Hauptstraße einkaufen gehen – das kommt gut.

Schwimmbad und Shopping haben wir also schon. Was verbinden Sie sonst noch mit Bad Lauterberg?

Ich bin schon mit dem kleinen Sessellift hochgefahren auf den Hausberg. Ich verbinde mit der Stadt drei sehr bekannte private Kliniken. Und einen schönen Kurpark.

Was bedeutet die Kreisfusion für diese Stadt?

Ich glaube, die Fusion wird im gesamten Landkreis Osterode und gerade auch in Bad Lauterberg sehr aufmerksam verfolgt, insbesondere wie sie organisiert wird. Viele Menschen sind noch unsicher, was die Fusion für sie persönlich und auch für die einzelnen Kommunen bedeuten wird im Hinblick auf die Infrastruktur, ärztliche und apothekerische Versorgung. Sie fragen sich, wo wird die Kreisverwaltung mit welchen Dienstleistungsangeboten präsent sein, wie werden Rettungswesen und Feuerwehren demnächst organisiert. Da ist die Angst, dass man doch nur als Juniorpartner in den neuen Großkreis kommt. Meine Botschaft an alle Menschen, die außerhalb des Oberzentrums leben, ist: Es ist die vornehmste Aufgabe von Politik, eine für alle Beteiligten faire Kreisfusion auf Augenhöhe zu organisieren, sodass wir gut zusammenwachsen und aus dem, was da entsteht, am Ende auch mehr machen, als wir vielleicht vorher hatten.

Was könnte denn für Bad Lauterberg das Mehr sein, das man aus dieser Fusion zieht? Wie könnte die Stadt profitieren?

Ganz praktisch durch eine sinkende Kreisumlage. Die ist ja im Altkreis Osterode deutlich höher als jetzt im Altkreis Göttingen – dank des Amtsinhabers Reuter, der seinerzeit die Kreisumlage im Landkreis Osterode in schwindelerregende Höhen getrieben hat. Und der jetzt hier stolz verkündet, dass sie demnächst wieder sinkt. Das finde ich persönlich ein sehr skurriles Versprechen. Faktisch ist es aber trotzdem richtig. Wir werden für die einzelnen Kommunen im Kreis Osterode eine finanzielle Entlastung bekommen. Und es gibt zusätzlich die Hoffnung auf eine Art „Fusionsrendite“, dass es also Einsparungen gibt durch die gemeinsame Erledigung bestimmter Dienstleistungen, die nicht in der Fläche vorgehalten werden müssen, sondern wo es um die Frage eines Rechenzentrums geht, einer Personalabteilung, eines Rechnungsprüfungsamtes. Die Kostenentlastung wird den Kommunen auch deshalb zugutekommen, weil dadurch mehr Geld freigesetzt wird für Investitionen in die Infrastruktur. Deswegen: Wenn wir ein bisschen langen Atem haben, glaube ich, dass man tatsächlich Positives bewirken kann. Aber am Anfang ist erst einmal die Herausforderung, die Menschen mitzunehmen in diese Fusion.

Wo wir schon bei der Kreisverwaltung sind: Das Bauamt und die Denkmalschutzbehörde des Landkreises Osterode stehen mehr in dem Ruf, die Bauverhinderungsbehörde zu sein. Dafür gibt es viele Beispiele allein in Bad Lauterberg.

Dieses Problem habe ich von ganz vielen Menschen gehört, nicht nur aus Bad Lauterberg, sondern aus allen Kommunen im Landkreis Osterode. Der Satz, der oft gebraucht wird, ist: „Stellen Sie mal einen Antrag, wir sagen Ihnen dann, was alles nicht geht.“ Und das führt leider in vielen Fällen dazu, dass Investitionen in historische Bausubstanz, ob jetzt denkmalgeschützt oder nicht, ausbleiben. Ich kenne Architekten und Bauunternehmer, die sagen: „Da ist die entsprechende Abteilung im Landkreis Göttingen kooperativer, mehr lösungsorientiert auch beim Denkmalschutz.“ Ich habe zum Beispiel in Duderstadt erlebt, dass man, um die Hauptsubstanz, ein Wohnhaus, zu schützen, auch mal den denkmalgeschützten Schuppen abreißen durfte. Denn heute wollen die Menschen keinen Schuppen hinter dem Haus haben, sondern eine Terrasse. Und wenn wir ihnen das nicht gestatten, kaufen sie das Haus nicht und renovieren es nicht. Also das, finde ich, ist ein pragmatischerer Denkmalschutz, der nicht mit dem Willen, alles zu schützen, am Ende das ganze Objekt gefährdet, was leider zu oft im Kreis Osterode passiert. Man muss Denkmalschutz da auch mit Augenmaß betreiben.

Woher kommt dieser Unterschied?

Ich kann nur mutmaßen. Die Verwaltung im Kreis Osterode ist ja nun schon relativ lange ein Stück weit führungslos. Das tut einer Behörde nicht gut, denn bei solchen Entscheidungen wie in Duderstadt muss dann auch mal jemand den Mut haben, den Kopf hinzuhalten, wenn es Kritik gibt. Und wenn dieser Kopf gerade nicht da ist, weil die Stelle unbesetzt ist, dann kann ich auch verstehen, dass Mitarbeiter sagen: „Das kann ich nicht verantworten.“ Es ist letztlich immer die Führungsspitze, die eine solche Politik vertreten muss. Von daher bin ich sicher, dass sich die Dinge bessern werden. Da kommen einfach zwei unterschiedliche Kulturen zusammen – die eine ist etwas unkooperativer, die andere hat sich schon etwas kooperativer entwickelt. Und ich habe die starke Hoffnung, dass sich das Kooperativere durchsetzt.

Welche Rolle spielt da der Landrat?

Er muss eine klare Politik vorgeben. Die darf sich natürlich nicht über den rechtlichen Rahmen hinwegsetzen. Aber jedes Gesetz bietet Handlungsspielräume, weil es nie bis zum letzten Komma festlegt, welcher Bauantrag genehmigungsfähig ist und welcher nicht. Und da wären meine Ziele als Landrat ein Denkmalschutz und ein Bauamt, die mit den Menschen gemeinsam nach Lösungen suchen. Das ist gerade für die alte Bausubstanz ganz wichtig und für das in unserer Region bedeutende Thema Erhalt, aber oft auch schon Revitalisierung von Dorfkernen und Innenstädten.

Apropos kooperativ und Bauen: Die Kooperative Gesamtschule in Bad Lauterberg ist eine erfolgreiche Schule. So erfolgreich, dass sie aus allen Nähten platzt. Seit der Einführung der Oberstufe kommen immer mehr Schülerinnen und Schüler auch aus den umliegenden Gemeinden. Der jetzige fünfte Jahrgang ist siebenzügig, es gibt viele Wanderklassen. Wenn sich das so fortsetzt, muss der Unterricht unter freiem Himmel abgehalten werden. Oder wird es mit Ihnen einen Anbau geben, ein Aufstocken des Gebäudes?

Ich vertrete schon seit langem den Grundsatz, dass der Wille von Eltern und Schülern zu respektieren ist, sowohl was die Schulform angeht als auch den Schulort. Und wenn sich Eltern, häufig gemeinsam mit ihren Kindern, für einen bestimmten Schulstandort entscheiden, weil sie ihn für den besten halten, dann sollte man dort die nötigen Voraussetzungen schaffen. Das heißt in diesem konkreten Fall, dass man tatsächlich den Schulstandort stärken muss – selbst dann, wenn die Schülerzahlen insgesamt im Kreis nicht steigen. Das geht in diesem Fall eben nur über eine Erweiterung des Schulgebäudes. Ich weiß, dass so etwas natürlich manchmal in konkurrierenden Schulstandorten auf wenig Verständnis stößt. Allerdings muss man sich dort auch fragen, warum die eigene Schule aus Sicht der Eltern weniger attraktiv ist.

Thema Infrastruktur. Bernhard Reuter geht ja mit der Forderung in den Wahlkampf, innerhalb des neuen Landkreises darf eine Fahrt nach Göttingen höchstens fünf Euro kosten. Hat er Recht?

Ich sage ungern, dass er Recht hat. Aber in der Tat, wir haben Schwächen im ÖPNV. Das gilt einmal für bestimmte Verbindungen – man kann zum Beispiel nicht von Herzberg nach Duderstadt fahren und man kommt nicht ohne Umsteigen von Osterode nach Göttingen. Das wären aber meines Erachtens wichtige Verbindungen zwischen Mittel- und Oberzentren. Und wir haben Mängel im Preissystem, darauf spielt Herr Reuter ja etwas plakativ an. Ich bin von Berufs wegen viel in Deutschland unterwegs und kenne viele Verkehrsverbünde. Viele Ticketangebote, die dort seit Jahr und Tag gang und gäbe sind, gibt es hier bei uns in der Region einfach nicht. Zum Beispiel ein Ticket, das Fahrten nach neun Uhr morgens gestattet, also da, wo wir aus dem Schüler- und Berufsverkehr raus und die Busse und Bahnen deutlich leerer sind, es deswegen attraktiv wäre, Menschen zum Mitfahren zu animieren. Und damit ist Ihre Frage auch indirekt beantwortet: Jawohl, das Preissystem ist verrückt, es gibt einfach Verbindungen bei uns im Kreis, die viel zu teuer sind. Da müssen wir unbedingt dran arbeiten. Wenn ich diese fünf Euro mal als Appell nehme, dann würde ich den in jeder Hinsicht unterschreiben.

Was können Sie als Landrat dafür tun?

Das ist nichts, was der Landrat alleine entscheiden kann, die Mittelgeber sitzen letztlich in Hannover. Aber man muss vor Ort auf die Mängel hinweisen. Und es gibt ja Ausschreibungen. Sie sind immer die Gelegenheit, zu sagen, dieses und jenes muss besser werden, entweder was die Qualität von Fahrzeugen angeht oder wo es um Bediendichte auf der Strecke und die Tarifstruktur geht. Da muss man ansetzen. Und letztlich macht ja der örtliche Verkehrsverbund die Preise, da muss man die Verantwortlichen mal ernsthaft an den Runden Tisch holen und sagen: So Freunde, so geht’s nicht. Man braucht wirklich neue Ideen, um eine für die Menschen attraktive Tarifstruktur zu schaffen, was wir hier in der Gegend haben, ist zum Teil einfach vormodern.

Welche Bedeutung hat eigentlich der Tourismus im neuen Landkreis Göttingen?

Punktuell eine sehr große. Wenn man den Begriff weit genug fasst, ist er in einigen Regionen sogar mit Abstand der wichtigste Wirtschaftszweig. Bad Sachsa ist für mich ein Beispiel, aber auch Bad Lauterberg. Hier würde ich die Kliniken großzügig unter den Begriff „Gesundheitstourismus“ einbeziehen – das ist natürlich nicht touristisch im klassischen Sinne, aber es sind ja Übernachtungen, die in der Stadt stattfinden. Und ich glaube, wir müssen Tourismus in all seinen Facetten und Verästelungen denken. Er ist ein Wirtschaftszweig, den man unbedingt weiterentwickeln muss. Manches ist auf dem richtigen Weg. Aber manches muss auch noch besser werden.

Was denn? Wo müssen wir hin?

Wir müssen noch mehr in die touristische Infrastruktur investieren. Wir brauchen mehr Leuchtturmprojekte, die überregional ausstrahlen, und generell Investitionen, um zeitgemäßen Tourismus anzubieten. Wir haben einen Trend zu Kurzzeiturlauben. Die machen die Leute sehr häufig innerhalb Deutschlands. Dann wollen sie hochwertig wohnen und so ein Rundum-Sorglos-Alles-Ist-Schön-Paket haben. Dahin müssen wir die Unterkunftsbetriebe bekommen, egal ob Hotel oder Ferienwohnung. Und wir müssen bei der Vermarktung noch besser werden, vor allem noch mehr gemeinsam vermarkten, auch über Landkreis- und sogar über Bundeslandgrenzen hinweg. Alle müssen sich darüber klar sein, jeder Tourist, der in die Region kommt, ist gut. Und er wird auch einen Tag nach Bad Lauterberg einkaufen kommen, dann soll man dem Nachbarn doch ruhig mal die Übernachtung gönnen. Außerdem: Die moderne Vermarktung ist Online-Vermarktung. Das ist noch nicht an jeder Stelle hundertprozentig angekommen, wir haben noch zu viele Papierprospekte. Vor allem das zielgruppengenaue Marketing in den elektronischen Medien ist ein ganz wichtiger Punkt, den wir anpacken müssen.

Fürchten Sie, dass sich im neuen Kreis Göttingen der Harz und das Weserbergland Konkurrenz machen?

Nein. Auch da müssen wir in Regionen denken. Die Menschen sind mobil, sie fahren auch vom Harz nach Hann. Münden und von Hann. Münden in den Harz. Ich glaube nicht, dass hier Konkurrenz entsteht. Ich glaube eher, dass die verantwortlichen Entscheider in der Tourismuswirtschaft, aber auch zum Teil in den Verwaltungen erkannt haben, dass das Miteinander mehr bringt, als das Gegeneinander. Wir sehen das beim Fachwerk-Fünfeck, wo drei Landkreise beteiligt sind. Wie sehen das bei der „Ein Harz“-Initiative. Und in der Politik ist ebenfalls angekommen, dass wir die Dinge gemeinsam bewegen müssen. Da ist es gut, dass zum Beispiel innerhalb der CDU-Kreisverbände schon lange zusammengearbeitet wird. Da ist viel Verständnis für die verschiedenen Anliegen in den Kreisen entstanden und auch für die Chancen der Zusammenarbeit im neuen Großkreis.

Wo Sie gerade die politischen Kollegen ansprechen: Sie sind erst fünf Jahre Mitglied der CDU, seit drei Jahren Vorsitzender des Stadtverbandes und noch keine zwei Jahre im Rat der Stadt Göttingen. Also noch gar nicht so lange, für jemanden, der das Amt des Landrates anstrebt. Ihr Hauptkonkurrent war bereits in beiden Landkreisen, die jetzt fusionieren, Landrat…

…was nicht zu seinem Vorteil sein muss.

Das wäre jetzt die Frage. Warum sollen die Menschen denn Sie wählen und nicht den Herrn Reuter?

Wir haben nun eine Zeitlang rot-grüne Mehrheiten gehabt und ich glaube, es würde beiden Landkreisen guttun, wenn hin und wieder die Mehrheiten wechseln, damit einfach neue Ideen ins Spiel kommen. Das gilt gerade für die Position des Landrates. Der Amtsinhaber ist ein sehr erfahrener Landrat, der hat sich ja hier in Osterode versucht – ich würde sagen, mit begrenztem Erfolg. Wenn man sich die Entwicklung anschaut während seiner, ich hätte fast „Regentschaft“ gesagt, dann ist das für mich kein Leistungszeugnis, das da ausgestellt wird, sondern eher ein Armutszeugnis. Wenn jemand so viele Jahre Zeit hat, das Internet und die Preisstrukturen im ÖPNV in Ordnung zu bringen, die Baugenehmigungen und den Denkmalschutz endlich so zu gestalten, dass wir auch nach vorne denken und mit interessierten Investoren gemeinsam Lösungen finden können, und jetzt im nächsten Jahr soll alles besser werden – da frage ich mich, warum ist eigentlich in den letzten 17 Jahren nichts besser geworden? Außerdem glaube ich, dass man gerade als Seiteneinsteiger in die Politik einen Vorteil hat. Man kann manches mit einem frischen Angang machen, man hat keine alten Versprechen, die man einlösen muss. Man kann, wie ich das jetzt tue, durch die beiden Kreise fahren und sich mit den Sorgen, Nöten, Anliegen der Menschen beschäftigen und dann mit neuen Ideen den gemeinsamen Weg in die Zukunft gestalten. „Mehr Zukunft mit neuen Ideen“ kann nur mit einem neuen Landrat gehen. Und so ganz unter uns, Herr Reuter war lange in Osterode, ist dann nach Göttingen gegangen, um von Göttingen aus die Übernahme, manche sagen sogar feindliche Übernahme, des Landkreises Osterode am Harz zu organisieren. Ich finde das ein eigenwilliges Vorgehen. Und auch deswegen rufe ich die Wählerinnen und Wähler auf, es doch mal mit einer anderen Lösung zu versuchen.

Es ist ja immer sehr schwierig gegen einen Amtsinhaber anzutreten, auch wenn es in diesem Fall durch die Fusion sicher noch einmal eine Besonderheit ist. Wie schätzen Sie ihre Chancen ein?

Der Amtsinhaber ist immer in der Pole-Position. Das ist bei jeder Wahl so, weil er Amt und Wahlkampf auf das vortrefflichste miteinander verbinden kann. Wenn ich die vielen Berichte über Herrn Reuter in den Medien sehe, dann macht er das geschickt. Das ist Topmanagement eines Wahlkampfes aus dem Amt heraus. Das kann man als Herausforderer natürlich in der Form nicht leisten. Deswegen hat man einen strukturellen Nachteil. Selbstverständlich weiß ich auch, dass eine Universitätsstadt wie Göttingen und ihr Umland keine CDU-Hochburg sind. Aber eine Chance hat man immer. Und wenn viele Menschen erkennen, dass mal ein frischer Angang gut wäre, und sich auch daran erinnern, welche Rolle der amtierende Landrat für die Kreisfusion gespielt hat, über den Willen vieler Menschen im Kreis Osterode am Harz hinweg, dann sehe ich meine Chancen so schlecht nicht.

Fühlen Sie sich denn gut unterstützt von Ihren CDU-Kollegen im gesamten Kreis?

Ja, die Unterstützung ist top. Da zahlt sich aus, dass wir schon lange über die Kreisgrenzen hinweg zusammenarbeiten. Als CDU haben wir von Anfang an gesagt, wir wollen das auf Augenhöhe tun. Deshalb wurde eine paritätisch besetzte Findungskommission eingesetzt – gleich viele Stimmen aus dem Kreisverband Göttingen und aus dem Kreisverband Osterode am Harz. Das war ein wichtiges Signal, um allen Gemeinde-, Orts-, Stadtverbänden deutlich zu machen, dass es einen gemeinsamen Kandidaten gibt, der von allen gleichermaßen getragen wird. Bei der gemeinsamen Mitgliederversammlung hat es dann für mich auch ein wirklich ermutigendes Ergebnis gegeben mit keiner Nein-Stimme – und das hat man ja im politischen Raum nur selten. Ich fühle wirklich ganz viel Unterstützung, vor allem die Parteifreundinnen und –freunde im Kreis Osterode sind besonders engagiert.

Sie haben gerade die Parität zwischen der Stadt Göttingen und dem Umland angesprochen. Sie sind Professor in Göttingen. Wenn sich die Wählerinnen und Wähler in Bad Lauterberg für Sie als künftigen Landrat entscheiden sollen, könnten sie ja befürchten: Das ist ein Göttinger, der kommt aus der Stadt, der versteht uns nicht, dann wird sich eben doch nur alles um Göttingen drehen. Wie wollen Sie das entkräften?

Ich sage den Menschen immer: Ich stehe nicht für so eine Politik. Ich bin keine Großstadtpflanze, ich wohne nur berufsbedingt in einer größeren Stadt. Ich bin selbst auf dem Dorf groß geworden, deswegen kann ich mich in die Befindlichkeiten des ländlichen Raumes oder auch der Grund- und Mittelzentren hineinversetzen. Außerdem: Ich bin Hochschullehrer im Bereich Agrarökonomie, also auch von Berufs wegen beschäftige ich mich ausgesprochen stark mit dem ländlichen Raum. Von Anfang an habe ich gespürt, dass das eine Angst ist, die viele Menschen haben, und ich habe immer gesagt, mit mir wird es keine Fokussierung auf das Oberzentrum Göttingen geben. Wir brauchen gleichwertige Lebensverhältnisse in der Fläche, wie es immer so schön im Bürokratendeutsch heißt. Diesen Anspruch müssen wir mit handfesten Aktionen untermauern. Zum Beispiel in der Frage, wo welche Dienstleistungen vorgehalten werden. Da ist ganz wichtig, dass man nicht alles aus Osterode abzieht, sondern dass man fairerweise sagt, wir haben zwei ehemalige Kreisstädte und wir können den Menschen nicht für alles eine Stunde Fahrzeit zumuten. Das gilt übrigens auch im kulturellen Bereich. Ich glaube, dass wir solche Dinge sehr schnell anpacken müssen, damit es nicht heißt, das ist alles hohles Geschwätz gewesen.

Das heißt also, auch die ganzen Einrichtungen, die erst einmal mit großem Hallo eröffnet werden, wie das Büro der Wirtschaftsförderung Region Göttingen (WRG) in Osterode oder bald das Job-Center in Bad Lauterberg, haben auch in fünf Jahren noch Bestand?

Man muss sich jede einzelne anschauen. Aber für mich wäre die Antwort nie: Das gibt es doch schon in Göttingen. Beispiel Wirtschaftsförderung: Die WRG sitzt jetzt in Göttingen und in Osterode. Detlev Barth, der Chef, hat einen tollen Standort in Osterode hinter dem Rathaus, das ist erst mal super. Aber da wäre für mich völlig offen, wo der Hauptsitz einer solchen Einrichtung ist. Das kann genauso gut Osterode sein. Ich glaube, in vielen Fällen muss es das sogar sein, sonst hat man nämlich tatsächlich diese Dominanz des Oberzentrums.

Ein Beispiel, das bei den Bad Lauterbergern schon einmal recht schlecht angekommen ist, sind die Volkshochschulen. Sie sind bereits fusioniert, woraufhin sich das Angebot vor Ort gleich deutlich reduziert hat – am VHS-Programm kann man es klar erkennen. Da ist jetzt natürlich die große Befürchtung da, dass das hier so nach und nach ausgedünnt wird.

Genau, das ist ein tolles Beispiel. Allein die Namensbezeichnung finde ich unglücklich – Volkshochschule Göttingen-Osterode. Da wäre meine erste Befürchtung, wenn ich in Bad Lauterberg wohnen würde, dass man bei der nächsten Bestellung von Briefbögen hinten schon das Osterode wegstreicht. Da sind wir gleich wieder bei der Frage: Wo ist der Hauptsitz? Der ist nämlich in Göttingen. Und wir sind auch wieder ein bisschen beim neuen Personal. Der amtierende Landrat hat mit seinen ersten Entscheidungen, die er mit seiner Kreisverwaltung getroffen hat, bei den Menschen zu Recht die Befürchtung geweckt, dass er die Fokussierung auf Göttingen sehr stark unterstützen wird. Tatsächlich sieht man ja unseligerweise, dass das große Gebäude in Göttingen anscheinend ausgelastet werden muss – und schon haben wir die Fokussierung.

Damit rechnen Viele, dass man ihnen sagt: Wir haben doch ein tolles Angebot, Ihr müsst nur halt nach Göttingen fahren. Das macht aber natürlich keiner, sich für einen anderthalbstündigen Kurs erst einmal eine Stunde ins Auto oder in den Zug zu setzen.

Richtig. Das sind Angebote, die die Menschen bei sich vor Ort haben wollen. Das ist Teil der Daseinsvorsorge. Und Daseinsvorsorge muss vor Ort erbracht werden, und nicht irgendwo. Ich kenne ja die Besucherstatistiken von den Händel-Festspielen und vom Deutschen Theater. Die zeigen, es gibt Entfernungen, die prohibitiv wirken. Auch ein Göttinger fährt nicht abends nach Hannover ins Theater, und er fährt auch nicht nach Kassel, das ist zu weit. Deswegen muss man so etwas in der Fläche stärken.

Sie sagten ja gerade, der Name Volkshochschule Göttingen-Osterode ist unglücklich. Ist denn der Name Landkreis Göttingen geschickter?

Nö, der ist genauso Mist. Aber das hat der Gesetzgeber in Hannover jetzt so entschieden. Aus zwei Kreisen einen neuen zu machen und dann dafür den Namen eines der beiden alten zu nehmen, und zwar ausgerechnet den des Größeren von beiden, der noch dazu das Oberzentrum beinhaltet, das zu allem Überfluss genauso heißt, ist für mich ein Zeichen von mangelndem Fingerspitzengefühl.

 

 

Das Interview mit Bernhard Reuter (SPD) lesen Sie hier.

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