Montag, 26. Juni 2017

Geschrieben von Sabine Kilzer und Boris Janssen am 29. August 2016

Hintergrund

Mobilität als zentrale Aufgabe

Kommunalwahl 2016: SPD-Landratskandidat Bernhard Reuter im Interview

„Auch in Göttingen weiß man, dass man in Bad Lauterberg gut einkaufen kann“: Bernhard Reuter beim Wahlkampf in der Bad Lauterberger Hauptstraße. (Foto: ski)
„Auch in Göttingen weiß man, dass man in Bad Lauterberg gut einkaufen kann“: Bernhard Reuter beim Wahlkampf in der Bad Lauterberger Hauptstraße. (Foto: ski)

Bernhard Reuter (Jahrgang 1955) ist seit 2011 Göttinger Landrat. Zuvor war er von 1999 bis 2011 Landrat des Landkreises Osterode am Harz. Weil das Amt in Osterode nicht neu besetzt wurde, wird er von beiden Kreisen der letzte Landrat sein. Und wenn sie am 1. November 2016 fusionieren, dann möchte er auch der erste Landrat des neuen Landkreises Göttingen werden. Vor seiner politischen Laufbahn hat Bernhard Reuter Rechtswissenschaften, Sozialwissenschaften und Lehramt studiert. Er war 20 Jahre lang Lehrer, darunter fünf Jahre als Schulleiter der Orientierungsstufe Leinebergschule in Göttingen.

Mit Sabine Kilzer und Boris Janssen von LauterNEUES sprach er über die Chancen der Kreisfusion, darüber, was beim Denkmalschutz, im Bauamt oder im Tourismus besser werden muss, und warum er das Thema Mobilität für „vielleicht die zentrale Aufgabe für die nächste Wahlperiode“ hält.

 

 

Herr Reuter, Ihre Bad Lauterberger Parteigenossen sagen: Bad Lauterberg soll die attraktivste Stadt in neuem Landkreis Göttingen werden. Geht das in Ordnung?

Der Anspruch geht in Ordnung. Zumal Bad Lauterberg die Tourismushochburg im neuen Landkreis sein wird. Da muss man ja automatisch attraktiv sein. Bad Lauterberg bringt ganz viel mit dafür. Und natürlich muss die Stadt auch noch einiges tun. Aber die Chancen sind gut. Sie werden besser durch die Kreisfusion, weil mehr Geld in der Stadt bleibt.

Was müsste denn noch getan werden?

Das Marketing ist noch nicht breit genug. Zum einen kann Bad Lauterberg das nur schwer allein. Zum anderen hat der Harzer Tourismusverband (HTV) im Vergleich zu anderen Tourismusverbänden einfach zu wenig Geld. Mein Ziel ist es, dass wir den HTV finanziell besser ausstatten. Das wird gelingen, weil mit dem Landkreis Göttingen ein finanziell starker Landkreis hinzutritt. Gleichzeitig wird damit Bad Lauterberg auch innerhalb des Harzes gestärkt. Als Landrat in Osterode habe ich ja immer erlebt, dass man als kleinster Landkreis innerhalb des Harzes nicht die Stimme hatte, die wünschenswert gewesen wäre. Das wird sich jetzt ändern, weil der Landkreis Göttingen der größte im Harz sein wird. Er wird das auch im HTV als positiven Faktor für Bad Lauterberg, und natürlich auch für Bad Sachsa, Walkenried, Bad Grund, Osterode, Herzberg nutzbar machen.

Sehen Sie da nicht Konkurrenz zum Weserbergland?

Ich glaube, die Profile sind sehr unterschiedlich. Nehmen wir das Beispiel Rad: Der größte Magnet im Weserbergland ist die Weser selbst, ein wunderbarer Radweg begleitet sie, einer der beliebtesten Radwege deutschlandweit. Der Harz dagegen wird nicht den gemütlichen Radtouristen anziehen, der an einem Fluss gemächlich unter Vermeidung von Bergen radeln will, sondern eher den Mountainbiker. Von daher sehe ich wenig an Konkurrenz zwischen den drei unterschiedlichen Tourismuszielen, die wir im neuen Landkreis Göttingen haben, also dem Harz, dem Weserbergland mit Hann. Münden und dem Städtetourismus in Göttingen selbst.

Sie haben gesagt, im Landkreis Osterode wurde in Sachen Tourismus und Marketing zu wenig gemacht, dabei war hier der Tourismus ein wichtiger Wirtschaftszweig. Im neuen Landkreis Göttingen wird seine Bedeutung im Verhältnis zu allen anderen wirtschaftlichen Zweigen wahrscheinlich deutlich geringer. Besteht da nicht die Gefahr, dass die Tourismusförderung doch nur ein Nebenbei ist und nur gemacht wird, wenn es die Kassenlage gerade hergibt?

Ganz im Gegenteil. Wir haben bereits vor der Fusion das Tourismuskonzept für den neuen Landkreis Göttingen fertig. Soweit sind wir in keinem anderen Bereich. Das zeigt, welch große Aufmerksamkeit wir dem Tourismus beimessen. Und zwar aus folgenden Gründen: Erstens ist er sehr arbeitsplatzintensiv. Zweitens ist er sehr darauf angewiesen, dass die Kommunen das gute Umfeld leisten. Und drittens ist er für uns auch aus Gründen des Außenmarketings bedeutsam. Wir wollen einen guten Ruf haben. Und wer verbreitet eine Reputation? Das sind in erster Linie die Gäste, die zu einem kommen.

In diesem Tourismuskonzept wird jetzt sicher der HTV finanziell besser ausgestattet. Aber wird es auch Förderung einzelner Projekte geben? Wenn jemand sagt: „Okay, ich will hier einen Tourismusmagneten schaffen“, wird er dann vom Landkreis Unterstützung bekommen?

Nicht nur vom Landkreis. Und vor allem auch im Bereich kleinerer Projekte. Im Zukunftsvertrag ist entsprechend vorgesehen, dass wir in Projekte investieren können. Für noch viel wichtiger halte ich aber die Aussage, die wir für das Südniedersachsenprogramm getroffen haben: dass nämlich der Tourismus einer der Schwerpunkte ist. Und da geht es dann um bedeutsame Projekte. Wir erleben ja im Moment glücklicherweise nach vielen Jahren des Niederganges, dass der Westharz Tritt gefasst hat, dass neue Gäste gewonnen sind und vor allem, dass der Harz sein Image verbessert hat. Inzwischen ist er eine Sportregion – Skilaufen, Wandern, auch das Mountainbiking spielen eine große Rolle. Und ich finde, wir müssen diese Entwicklung nutzen, um ordentlich voran zu kommen. Natürlich hängt es in erster Linie von denen ab, die in der Branche tätig sind – Gastronomen, Hoteliers sind selbst gefordert. Aber auch da hat sich eine Menge getan. Als Kommune sind wir mehr im Bereich der Infrastruktur gefordert. Da sehe ich, wie bei der Vermarktung, die Landkreise in der Pflicht. Damit kann man nicht die privaten Betreiber allein lassen.

Aber manchmal möchten natürlich auch private Investoren etwas tun. Im Landkreis Osterode stoßen sie dann schnell auf zwei Hindernisse: das Bauamt und den Denkmalschutz. Beide werden häufig als Vorhabenverhinderungsbehörden wahrgenommen. Wird sich das im neuen Landkreis ändern?

Der Denkmalschutz muss sich ständig selbstkritisch fragen, ob er die richtigen Ziele verfolgt. Denkmalschutz ist wichtig, um das schöne Ambiente von historischen Innenstädten, aber auch von Dörfern zu erhalten, das ist gar keine Frage. Aber was nützt ein konsequenter Denkmalschutz, wenn er dazu führt, dass Gebäude nicht mehr wirtschaftlich betrieben werden können und nicht mehr investiert wird? Dann schützt der Denkmalschutz ein Gebäude, das sowieso verfällt. Das ist nicht Sinn der Sache. Deswegen muss das Ziel des Denkmalschutzes besser als bisher mit den wirtschaftlichen Möglichkeiten abgeglichen werden. Ich erwarte vom Denkmalschutz, dass er kompromissbereiter ist, als das in den vergangenen Jahren der Fall war.

Die Osteroder Baubehörde genießt auch einen äußerst zweifelhaften Ruf, was das Machen von Auflagen betrifft. Egal ob öffentliche Hand oder private Bauherren – es gibt viele Beispiele, in denen die Auflagen Vorhaben extrem verteuert und verzögert haben und dann sogar noch weitere Auflagen kamen. Das sind Sachen, die Investitionen ganz klar ausbremsen. Wie gedenken Sie, so etwas im neuen Landkreis zu verhindern?

Vermieden werden muss, dass Dinge nachgefordert werden. Zu Beginn des Verfahrens muss die Behörde deutlich machen, welche Unterlagen sie braucht, um einen Bauantrag genehmigen zu können. Ich lege großen Wert darauf, dass am Anfang eine gute Beratung stattfindet, dass man bei größeren Verfahren, zum Beispiel im Rahmen von Antragskonferenzen, alle Beteiligten an einen Tisch bringt und dass dann mit Augenmaß die Dinge abgearbeitet und schnellstmöglich genehmigt werden. Das ist auch immer eine Frage des Könnens, nicht nur des Wollens. Insofern ist einzuräumen, dass es der Landkreis Osterode aufgrund seiner finanziellen Schwäche natürlich nicht einfach hat, ausreichend qualifiziertes Personal zu beschäftigen, um Wollen und Können zusammen zu bringen – im Landkreis Göttingen ist das der Fall.

Sie sind ja nun lange Landrat im Landkreis Osterode gewesen. Und so eine Behördenstruktur und -kultur ändert sich nicht innerhalb von zwei, drei Jahren – die Entwicklung eines gewissen Stils ist eine sehr langlebige Geschichte. Müssen Sie das nicht auch ein Stück weit auf die eigene Kappe nehmen?

Nein, ganz sicher nicht. Ich höre immer wieder, gerade aus Bad Lauterberg...

…wahrscheinlich, weil es hier so viele konkrete Beispiele gibt…

…dass sich etwas in den letzten fünf Jahren geändert hat. Es hat damals viele Fälle gegeben, wo ich von Bauinteressenten angesprochen worden bin und ich mich dann auch persönlich als Landrat darum gekümmert habe, dass die Dinge vorangehen. Diese Kultur des Miteinanders kann ohne Landrat nicht richtig funktionieren.

Wer wird künftig das Sagen haben: Sind eher die Göttinger die Vorgesetzten oder bleibt das in Osterode weitgehend selbständig?

In Osterode wird es weiterhin Ansprechpartner geben und Bauanträge können in Osterode eingereicht werden. Aber der zentrale Teil der Bauverwaltung sitzt in Göttingen und auch die Vorgesetzten sind dort. Es steht jedem frei, einen Bauantrag aus dem Bereich des Altkreises Osterode in Göttingen zu stellen. Die zukünftige Leiterin des Bauamtes ist die derzeitige Leiterin des Göttinger Bauamtes. Wer das Dezernat leiten wird, entscheidet der neue Kreistag auf seiner ersten Sitzung. Gut, und am Ende gibt es immer den Landrat, an den man sich wenden kann.

Also gleich mit dem Gang zum Chef drohen?

Was in Göttingen enorm hilft, ist ein Beschwerdemanagement. Ich habe das relativ schnell nach meinem Amtsantritt dort eingerichtet. Wer nicht zufrieden ist, kann sich an eine gesonderte Stelle der Kreisverwaltung wenden, die unabhängig prüft, ob Fehler in der Verwaltung gemacht worden sind. Und wenn es da Differenzen gibt, die nicht aufzuklären sind, landet das Verfahren auf dem Tisch des Landrates. Ich kann feststellen, dass das inzwischen sehr, sehr selten passiert.

Eine andere Klage ist, dass jemand, der etwas investieren möchte, bei den Banken oft wenig Unterstützung findet. Wie kann der Landkreis dabei helfen, dass Investitionen auch getätigt werden können?

Das Thema ist nicht mehr so brisant, wie es früher einmal war. In der derzeitigen Niedrig-, oder eigentlich ja Nullzinsphase sind die Banken sehr gerne bereit, Kredite zu geben, und zwar zu sehr günstigen Konditionen. Ein Problem bleiben die Kreditnehmer mit schwacher Bonität und hohem Kreditausfallrisiko, bei denen sich natürlich jede Bank schwertut. Deswegen ist es dort Aufgabe der Wirtschaftsförderung, beispielsweise Existenzgründer mit öffentlichen Bürgschaften zu unterstützen, die über die N-Bank vermittelt werden. Das muss man natürlich mit großer Verantwortung tun, es hat auch keinen Sinn, durch leichtfertiges Engagement Steuergelder zu verschwenden oder den Unternehmer in die Insolvenz zu treiben. Ich habe den Eindruck, dass wir da mit der Wirtschaftsförderung Region Göttingen (WRG) sehr gut aufgestellt sind. Seit eineinhalb Jahren sind auch die Kommunen im Landkreis Osterode Gesellschafter bei der WRG. Und ich höre überall, gerade von Unternehmern aus dem Landkreis Osterode, dass man sehr zufrieden ist. Die WRG kann mehr leisten als die alte Stabstelle für Wirtschaftsförderung.

Wie sieht es mit den fünf Sparkassen im neuen Landkreis aus? Werden sie eigenständig bleiben oder zeichnet sich da ebenfalls schon eine Fusion ab?

Die Sparkassen zeichnen sich dadurch aus, dass sie dicht am Menschen sind, dass sie für die regionale Wirtschaft Ansprechpartner, Kreditgeber sind. Deswegen ist keine Fusion beabsichtigt. Es ist eine große Stärke der Sparkassen, dezentral organisiert zu sein, und wenn man das betriebswirtschaftlich durchhalten kann, will ich daran festhalten. Eine andere Frage ist, ob man die Kreisfusion für eine bessere Kooperation nutzen kann, um Kosten zu senken. Der Kostendruck bei den Sparkassen ist offenkundig, das hängt auch mit der Niedrigzinsphase zusammen. Insbesondere ist der regulatorische Aufwand seit der Bankenkrise für jede Sparkasse enorm gestiegen und im Bereich der Regulatorik kann man viel gemeinsam machen.

In ihrem Wahlkampf machen Sie ja eine klare Ansage: Maximal fünf Euro soll eine Fahrt mit Bus oder Bahn ins Oberzentrum Göttingen kosten. Warum?

Ich halte Mobilität für eine ganz wichtige Frage, vielleicht die zentrale Aufgabe für die nächste Wahlperiode. Stadt und Land entwickeln sich immer weiter auseinander. In Göttingen herrscht Wohnraumnot, die Mieten explodieren, die Immobilienpreise sind für Normalverdiener gar nicht mehr bezahlbar. Im ländlichen Raum, je weiter man wegkommt von Göttingen, ist es genau umgekehrt: Die Immobilienpreise verfallen, die Leute investieren zum Teil nicht mehr, weil sie nicht wissen, ob sie ihr Haus noch angemessen verkaufen können. Leerstände überall. Das ist keine gesunde Entwicklung. Ein Lebenskonzept „Arbeiten in der Stadt, Leben im ländlichen Raum“ muss wieder attraktiver werden. Und da spielt die Frage der Mobilität eine enorme Rolle. Wir müssen eine ganze Menge tun und ich denke in Schritten. Mein Vorschlag für den ersten Schritt ist eine Tarifreform im ÖPNV. Mein Ziel ist, dass es im neuen Landkreis nicht mehr als fünf Euro kostet, von jedem beliebigen Punkt nach Göttingen zu kommen – und in der Tat, das ist ambitioniert. Aber wir brauchen das, um den ÖPNV attraktiv zu machen. Das größte Hemmnis für einen guten Nahverkehr sind die viel zu hohen Preise.

Derzeit kostet es aus Bad Lauterberg mindestens 10,50 Euro, also schon das Doppelte. Wie soll das 5-Euro-Ticket finanziert werden?

Auf unser Drängen als Kommunen im Niedersächsischen Landkreistag hat Verkehrsminister Olaf Lies 20 Millionen Euro für die Personenbeförderung zur Verfügung gestellt. Sie werden zum Teil nach Einwohnern, zum Teil nach Fläche und vor allem nach demografischen Faktoren verteilt. So wird im Landkreis Göttingen weit überproportional viel Geld landen – eine knappe Million Euro. Eine weitere Million Euro erhalten zusammengenommen unsere Partner im Verkehrsverbund Südniedersachsen, also die Landkreise Northeim und Holzminden und die Stadt Göttingen. Zusammen haben wir also zwei Millionen. Das wirkt zum 01.01.2017. 2018 kommen dann aus Berlin die fünf Milliarden Euro, die die große Koalition den Kommunen versprochen hat. Genau kennen wir den Verteilungsschlüssel noch nicht, aber wir können mit etwa 18 Millionen Euro mehr für den Landkreis und unsere Gemeinden rechnen – etwa acht Millionen davon für den Landkreis selbst. Und ich finde es richtig, dass man einen Teil dieses Geldes dafür nimmt, um diese wichtige Aufgabe finanzieren zu können, den ÖPNV attraktiver zu machen.

Und wie geht es dann weiter?

Durch eine Preissenkung werden wir mit Sicherheit mehr Fahrgäste in die Bahn und in die Busse bekommen, das bedeutet dann auch zusätzliche Einnahmen. Die sollten wir dazu verwenden, das Angebot im zweiten Schritt insgesamt noch besser zu machen. So schlecht ist es nicht, also vom Bahnhaltepunkt Bad Lauterberg/Barbis geht es stündlich in beide Richtungen, in Herzberg kann man umsteigen Richtung Braunschweig. Aber wir haben große Lücken in den Randzeiten. Also junge Leute, die abends von Göttingen nach Bad Lauterberg zurückwollen, müssen dann starten…

…da hat die Party gerade angefangen.

Genau. Das hat keinen Sinn. In den Tagesrandzeiten brauchen wir weitere Angebote. Die müssen nicht auf der Bahn sein, das könnte vielleicht auch ein Nachtbus sein. Und dann im dritten Schritt kommt: Mobilität intelligent denken. Es gibt Projekte wie Ecobus, die im Moment in der wissenschaftlichen Entwicklungsphase sind. Die Idee ist, den Personennahverkehr bedarfsgerechter zu steuern und damit auch die Ressourcen besser einzusetzen. Dazu gehört auch, ÖPNV mit Bussen und Bahnen durch Bürgerbusse, Anrufsammeltaxis und ähnliche Systeme anzureichern und auch mit neuen Formen der Mobilität zu verknüpfen. Ich nehme mal als Beispiel Pedelecs: Früher war das Fahrrad kein wirklich attraktives Verkehrsmittel, um zum nächsten Bahnhof zu kommen, allemal nicht, wenn Berge dazwischen waren. Das ist durch die Pedelecs jetzt völlig anders. Da muss an den Bahnhöfen eine Begleitinfrastruktur hin, sichere Abstellmöglichkeiten, Ladestationen. Das ist ein Programm, das wird sicher nicht in den nächsten zwei, drei Jahren umzusetzen sein. Aber das ist das langfristige Ziel: Erster Schritt Tarifreform, zweiter Schritt mehr Verkehrsangebote, dritter Schritt intelligente Mobilität, bedarfsgerecht und flexibel.

Die Kooperative Gesamtschule Bad Lauterberg (KGS) hat seit zwei Jahren endlich ihre Oberstufe. Der Zustrom ist seither enorm, es gibt sieben Klassen im fünften Jahrgang. Die Schule platzt aus allen Nähten und weiß gar nicht mehr, wo sie hin soll mit ihren Wanderklassen. Aber sie klagt, der alte Landkreis Osterode habe ewig nichts mehr investiert, selbst um die Schulhöfe kümmern sich nur noch Förderverein und Engagierte. Gibt es im neuen Landkreis Hoffnung, dass das Gebäude vielleicht doch mal aufgestockt wird?

Ich kann es für die letzten fünf Jahre nicht beurteilen, ich weiß nicht wo im Landkreis Osterode investiert worden ist. Aber für Göttingen gilt, was während meiner Zeit in Osterode auch dort galt: Investitionen im Bildungsbereich haben klaren Schwerpunkt. Aber zunächst ist die Frage: Wie viel Geld hat man überhaupt? Es ist ja nicht so, dass der Landkreis Göttingen immer so gut dastand wie heute, auch er hatte erhebliche Schulden und musste sparen. Inzwischen haben wir den Investitionshaushalt auf 31 Millionen Euro in diesem Jahr verdreifacht. Dabei spielt Bildung eine ganz große Rolle unter verschiedenen Gesichtspunkten: Wir haben allein am Gesamtschulstandort Bovenden im letzten Jahr über vier Millionen Euro investiert. Wir haben einen Schwerpunkt gebildet im Bereich energetische Sanierung, weil man damit Geld in der Zukunft spart. Und das Thema Inklusion kostet viel, das wollen wir bis 2018 erledigen, was auch für die Schulen im Landkreis Osterode gilt. Wir kennen den Haushalt 2017 noch nicht, aber die Investitionen in die Osteroder Schulen werden mit Sicherheit deutlich höher sein, als das, was der Landkreis Osterode leisten konnte.

Den Lauterberger Schülern ist jetzt natürlich auch nicht geholfen, wenn man da energetisch saniert. Es fehlen schlicht und ergreifend die Räume. Wenn sich die Tendenz der letzten Jahre fortsetzt, wird man Schülerinnen und Schüler abweisen müssen.

Das wird man genau prüfen müssen – ich kenne weder die Schülerzahlen genau, noch weiß ich, ob der Landkreis Osterode bereits Ausbaupläne hat. Gibt es die nicht, wird man mit Sicherheit nicht für 2017 Geld zur Verfügung stellen, denn es dauert länger als ein Jahr, bis Pläne entwickelt sind. Ich sage Ihnen meine Grundsätze: Ich bin sehr für ortsnahe Beschulung. Und ich bin sehr dafür, dass die Schulen auf hohem Niveau ausgestattet sind. Was man dann wirklich leisten kann, muss man sehen. Ich verstehe das große Interesse von Bad Lauterberg. Aber eine Aussage zum jetzigen Zeitpunkt – ohne den Bedarf genau zu kennen, ohne zu wissen, gibt es Pläne, wie viel kostet das – wäre nicht seriös.

Apropos Bildung. Die Kreisvolkshochschulen sind ja bereits zusammengegangen. Und das Resultat war, das sich das Angebot hier vor Ort tatsächlich erheblich reduziert hat.

Falsch!

Muss man aber feststellen. Man konnte ja sehen: Was wurde vorher in Bad Lauterberg geboten und was gibt es jetzt noch. Das ist schon ausgedünnt.

Ich kann es für Bad Lauterberg nicht sagen, aber insgesamt für die alte Kreisvolkshochschule muss ich energisch widersprechen. Der Eindruck ist ja öfters erweckt worden, dass das Kursangebot halbiert worden ist. Was hat man verglichen? Das alte Programm der KVHS in Osterode mit dem neuen Programm der gemeinsamen KVHS am Standort Osterode. Was man übersehen hat: Das alte Programm war ein Jahresheft, das neue Programm war ein Halbjahresheft. Das in einem Halbjahresprogramm nur halb so viele Kurse stehen wie in einem Jahresprogramm, ist selbstverständlich, da kann man nicht von einer Ausdünnung reden. Entscheidend ist ja auch nicht, was im Programm steht. Entscheidend ist, was wirklich stattfindet. Bei der alten KVHS Osterode sind nahezu 50 Prozent aller Kurse ausgefallen, weil die nötige Teilnehmerzahl nicht zusammen gekommen war. Das hat sich jetzt sehr deutlich verbessert. Das liegt daran, dass durch das gemeinsame Programmheft einer großen Volkshochschule eine ganz andere Auslastung geschaffen werden kann.

Bloß der normale Bad Lauterberger, der gerne an einem anderthalbstündigen Kurs teilnehmen will, wird vielleicht gerade noch nach Osterode fahren, aber sicher nicht eine Stunde nach Göttingen.

Da haben Sie völlig Recht.

Insofern ist für ihn doch entscheidend, was hier vor Ort passiert. Da ist sehr wohl der Eindruck, dass das deutlich weniger ist. Und natürlich, ist jetzt hier die Sorge da, dass sich das in Zukunft noch verstärken wird.

Der Eindruck mag so sein. Die Fakten sagen etwas anderes. Und verabredet ist ganz klar mit dieser Fusion von ehemals drei selbständigen Volkshochschulen eine Stärkung der ländlichen Standorte. Das ist eine klare Maßgabe, an die sich der Geschäftsführer auch zu halten hat, die im Aufsichtsrat kontrolliert wird und die von den Trägern, also auch vom neuen Landkreis Göttingen, eingefordert wird. Es geht nicht nur um Osterode, Bad Lauterberg, Herzberg. Der Altkreis Göttingen hat genau das gleiche Interesse mit den Standorten in Hann. Münden, in Rosdorf und in Duderstadt.

Jetzt fusionieren die Landkreise Göttingen und Osterode. Als Prognose: Wie lange ist Bad Lauterberg noch eine eigenständige Stadt?

(verblüffte Pause) Ich kann mir überhaupt nicht vorstellen, dass Bad Lauterberg keine eigenständige Stadt ist. Aber: Entscheidungen für die Gemeinden fallen auf gemeindlicher Ebene und der Landkreis mischt sich da nicht ein. Wenn Bad Lauterberg die Absicht hat, mit Bad Sachsa zu fusionieren, wird der Landkreis dem nicht entgegenstehen. Aber wir werden es nicht einfordern.

 

 

Das Interview mit Herausforderer Ludwig Theuvsen (CDU) lesen Sie hier.
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