Samstag, 16. Dezember 2017


Geschrieben von Christian Dolle (Kirchenkreis Harzer Land) am 02. Dezember 2017
Kirchen

„Es bringt Dich im Leben ein Stück weiter“

Auszubildende haben mit „Aspect Change“ für eine Woche in soziale Berufe gewechselt

Elena gewann für eine Woche neue Perspektiven durch Mitarbeit bei der Tafel Göttingen (Foto: Stephan Eimterbäumer / kda)
Elena gewann für eine Woche neue Perspektiven durch Mitarbeit bei der Tafel Göttingen (Foto: Stephan Eimterbäumer / kda)
Absolvierten eine Praxiswoche in der Diakonie: Auszubildende von Sartorius und aus dem Kirchenkreisamt Göttingen-Münden. (Fotos (3): Christian Dolle)
Absolvierten eine Praxiswoche in der Diakonie: Auszubildende von Sartorius und aus dem Kirchenkreisamt Göttingen-Münden. (Fotos (3): Christian Dolle)
Nach einem Auswertungs-Workshop präsentierten die Azubis ihre Erfahrungen vor Vertretern aus dem Unternehmen Sartorius, den beteiligten sozialen Einrichtungen und dem Kirchenkreis Göttingen.
Nach einem Auswertungs-Workshop präsentierten die Azubis ihre Erfahrungen vor Vertretern aus dem Unternehmen Sartorius, den beteiligten sozialen Einrichtungen und dem Kirchenkreis Göttingen.
Die kaufmännischen Auszubildenden Carolin, Nicole und Julia (von links) legen letzte Hand an ihre Präsentation über ihre Erfahrungen in sozialen Einrichtungen.
Die kaufmännischen Auszubildenden Carolin, Nicole und Julia (von links) legen letzte Hand an ihre Präsentation über ihre Erfahrungen in sozialen Einrichtungen.

Wirtschaft und soziale Einrichtungen haben in unserer Gesellschaft in der Regel recht wenige Berührungspunkte. Zumindest gilt das für all jene, die in einem dieser Bereiche arbeiten. Das Projekt „Aspect Change“ vom Kirchlichen Dienst in der Arbeitswelt (kda) der Hannoverschen Landeskirche möchte das ändern und ermöglicht Auszubildenden den Blick über den Tellerrand in Jobs bei der Bahnhofsmission, in Werkstätten für Menschen mit Behinderungen oder als Straßensozialarbeiter.

„Man lernt, Menschen mit anderen Augen zu sehen und seine eigene Lebenssituation viel mehr zu schätzen“, sagt beispielsweise Elena, eine derjenigen, die in diesem Jahr an dem Projekt teilnahmen. Sie selbst macht eine Ausbildung zur Mechatronikerin bei Sartorius in Göttingen und entschied sich dafür, eine Woche lang bei der Tafel zu arbeiten. Der gemeinnützige Verein gibt zweimal täglich an mehreren Stellen in der Stadt Lebensmittel an Menschen aus, die sie sich sonst nur schwer leisten können.

 

Unterschiedlich verlaufende Lebenswege

Dass das in einer Stadt wie Göttingen so viele sind, fand Elena erschreckend, ebenso, wie schwer es manchmal ist, überhaupt an die Lebensmittel zu kommen. Manchmal gebe es auch Neid unter den Empfängern, wenn die Regale in der Ausgabestelle dann leerer werden. Eine ähnliche Erfahrung machte auch Niklas, im normalen Leben Auszubildender als Elektroniker, aber in dieser besonderen Praktikumswoche bei der Inneren Mission im Grenzdurchgangslager in Friedland tätig. Dort gab er Kleidung an nach Deutschland kommende Spätaussiedler aus und war irritiert, dass manche diese Geschenke als selbstverständlich hinzunehmen schienen.

Allerdings mag das auch viel mit Scham oder Verbitterung zu tun haben. „Ich habe mich dann immer gefragt, wie ich mich wohl verhalten würde, wenn ich jetzt in Russland oder so in einer ähnlichen Situation wäre.“ Letztlich waren solche Reaktionen aber die Ausnahme, denn vor allem bekamen er und die anderen Auszubildenden die große Dankbarkeit der Menschen zu spüren, mit denen sie zu tun hatten. Anders als in ihrem Job als Kauffrau für Büromanagement, dual Studierende oder Verwaltungsfachangestellte im Kirchenkreisamt kamen sie Menschen sehr nah, die Hilfe brauchten und die ihre Dankbarkeit für all die sozialen Dienstleistungen sehr deutlich zeigten.

Nicht selten war es Freude über Kleinigkeiten, die den Teilnehmern bewusst machte, wie unterschiedlich Lebenswege in unserer Gesellschaft doch verlaufen können. Diese Weitung des Blickwinkels ist auch der Sinn von „Aspect Change“, erläutert Pastor Stephan Eimterbäumer vom kda, der mit seinem Kollegen Peter Greulich die Praktikumswoche organisiert hat. Das war der vierte Durchgang in Göttingen in Zusammenarbeit mit Sartorius; in Northeim organisierte der kda das Projekt „Aspect Change“ bei ContiTech bereits zum siebten Mal. Eimterbäumer erläutert: „Die Azubis melden sich freiwillig. Sie machen intensive Erfahrungen und wachsen in ihrer Persönlichkeit.“

 

„Es macht glücklich, helfen zu können“

„Es macht glücklich, helfen zu können“, zieht auch Sahand Bilanz, der eine Woche lang bei der Bahnhofsmission Menschen mit Essen oder einfach nur einem warmen Kaffee versorgte oder auch mal nur anbot, jemandem zuzuhören. Dafür, dass nicht jeder über sein Schicksal reden wollte, hat er natürlich Verständnis, aber allein zu sehen, wie er für den einen oder die andere den Kontakt zu einer sozialen Einrichtung herstellen konnte, gab ihm ein gutes Gefühl.

Für seine Ausbildung als Mechatroniker nütze ihm das Praktikum vielleicht nicht direkt, für seine Persönlichkeit und seinen Blick auf andere allerdings schon, stellte er fest. „Es bringt dich im Leben ein Stück weiter“, sagt er, „Im Grunde ist es wie eine Weltreise, auf der du deinen Horizont erweiterst.“

Und auch die nächste Reise steht für ihn schon fest. Nachdem er und die anderen am Freitag (24.11.2017) bei Sartorius in großer Runde ihre Erfahrungen präsentierten und dabei alle ausgesprochen positiv über diesen Blick über den Tellerrand sprachen, steht für ihn fest: Schon am Montag wird er wieder bei der Bahnhofsmission arbeiten. Dann ehrenamtlich und einfach, weil er noch einmal mehr erfahren hat, wie wichtig all diese Tätigkeiten sind.


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