Donnerstag, 29. Juni 2017


Geschrieben von Mareike Spillner, Kulturkreis Bad Lauterberg am 22. Mai 2017
Kultur und mehr

Von Aggression, Versöhnung und Lutherkitsch

Vortrag über die Lutherjubiläen der vergangenen Jahrhunderte

Foto: Anett Böger, Kulturkreis Bad Lauterberg
Foto: Anett Böger, Kulturkreis Bad Lauterberg

Die Lutherjubiläen der vergangenen Jahrhunderte waren das Thema von Professor Dr. Hartmut Lehmann aus Kiel beim letzten Vortrag der Bad Lauterberger Universitätstage des Kulturkreises Bad Lauterberg am vergangenen Donnerstag. „In einem so schönen Raum habe ich noch nie geredet. Fast ein Grund nervös zu sein“, startete der Professor gleich lobend in sein Referat zum Lutherjubiläum 2017, das ja vielfach als „anders als alle anderen“ angekündigt  wurde. „Anders im Verhältnis zu welchen anderen Jubiläen?“, fragte sich also der Referent und ist der Meinung: „Ein Blick zurück bis 1617 lohnt sich!“ Zu Luthers Lebzeiten seien keine Jubiläen gefeiert worden.

Aufgeheizte Atmosphäre

Erst 1527 (Luthers Schrifttum), zehn  Jahre nach Auffassung der Thesen, schrieb Luther seinem Freund Amsdorf: „Grund ein Glas zu heben!“ So ließ Lehmann die Jahrhunderte wieder lebendig werden: „1550 hat sich die lutherische Reformation nur im gemäßigten Tempo entwickelt. Eine katholische und protestantische Front entwickelte sich und es entstand der Plan: 1617 muss gefeiert werden!“ 94 Reden, in militantem anti-katholischen Ton gehalten, erschienen gedruckt. „Darin kein Wort von Versöhnung und Toleranz. Die Atmosphäre war aufgeheizt. 1617 bezeichnet man als aggressives, von konfessionalistischem Ton bestimmtes Jubiläum.“

1717 hatte sich die Lage in ganz Europa verändert. Der Katholizismus triumphierte. Zum 300. Jubiläum im Jahr 1817 wird der 4. Jahrestag des Siegs über Napoleon und der Völkerschlacht bei Leipzig gefeiert – und Luther als deutscher Nationalheld. „Als ein Luther, der die deutsche Nation zur Einigung brachte!“, führte Lehmann aus. „1917 versuchten Michaelis und Martin Luther den verzweifelten Deutschen Mut zu geben, doch die Sache funktionierte nicht. Michaelis wurde ersetzt, aus dem Dreigestirn wurde ein Zweigestirn Hindenburg und Luther: Männer aus deutschem Blut, stark wie deutsche Eichen.“ 1933 gab es ein 450-jähriges Luther-Gedenken, bei dem Luther als der große germanistische Deutsche gefeiert werden sollte. An Luthers 400. Todestag 1946 kam eine neue Tonlage auf: „Luther der Seelsorger der Deutschen. Luther der den Deutschen in ihrer Not und Schmach Hilfe geben kann!“, kommentierte Lehmann.

Übertriebener Lutherkitsch und Tourismuswerbung

Am 500. Geburtstag Luthers 1983 herrschte im Westen und Osten auf höchst unterschiedliche Weise eine sehr starke Erinnerung an Luther. Und diesmal? „Heute internationales Fest mit starken Einschränkungen“, so der Referent. Er betont: „Wenn man sich die Reformationsgeschichte anschaut, floss bereits nach wenigen Jahren Blut. Im 17 Jahrhundert färbten sich die Flüsse rot! In Anbetracht dieses riesigen Elends, was über uns gekommen ist, können wir gedenken, aber nicht feiern“ Und wird 2017 komplett anders als früher? „Zum Teil ja, zum Teil nein!“, so das Fazit von Professor Dr. Lehmann. Dieser ergänzt: „Ich findet es nicht richtig, dass die Kirche das Fest nicht allein geschultert hat, sondern mit dem Staat gemeinsam. Der steuert jährlich 30 bis 50 Millionen Euro für die Arbeit der Kirchen bei.“ Auch die Tourismuswerbung und den „Lutherkitsch“ hält Lehmann für übertrieben. Die einen mögen’s, die andern nicht. So ist das eben in der heutigen Zeit.


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