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Dienstag, 18. September 2018


Geschrieben von Andrea Hagemann (Autismus Südost-Niedersachsen) am 09. September 2018
Vereine und Verbände

Autismus besser verstehen

Verein Autismus Südost-Niedersachsen: Großes Interesse an Gesprächsrunde und Seminar mit Aleksander Knauerhase

Einzigartiger Einblick in die Sichtweise eines Autisten: Aleksander Knauerhase vor dem Publikum der Gesprächsrunde in Bad Lauterberg. (Foto: Bormann-Willig)
Einzigartiger Einblick in die Sichtweise eines Autisten: Aleksander Knauerhase vor dem Publikum der Gesprächsrunde in Bad Lauterberg. (Foto: Bormann-Willig)

Der Verein Autismus Südost-Niedersachsen hat am Freitag (31.08.2018) zu einer offenen Gesprächsrunde und am Samstag (01.09.2018) zu einem Seminar zum Thema Autismus in Bad Lauterberg eingeladen.

Aleksander Knauerhase, Blogger (Quergedachtes (externer Link)), Inklusionsbotschafter und selbst Autist, begann die Gesprächsrunde am Freitag vor knapp 60 Zuhörer*innen mit einem Vortrag über das Thema Autismus. Zu Beginn des Vortrages stand die Aussage, Autismus werde in der Gesellschaft als Schwäche und im Licht des Defizitdenkens gesehen. Umso wichtiger sei es, dass in der Gesellschaft das Wissen über und das Verständnis von Autismus größer wird.

 

Warum Autist*innen über ihre Kapazitäten arbeiten

Autismus ist eine angeborene tiefgreifende Entwicklungsstörung. Dabei handelt es sich um eine Störung der Wahrnehmung und Informationsverarbeitung, aus der wiederum Störungen der Kommunikation und Sprache, der sozialen Interaktion und der Flexibilität von Verhalten resultieren. Die Ausprägungen der genannten Störungen genauso wie die intellektuelle Begabung sind sehr unterschiedlich und reichen von schwerer geistiger Behinderung bis hin zu überdurchschnittlicher Intelligenz. Zukünftig wird daher von Autismus-Spektrum-Störung gesprochen. Die Ursachen von Autismus sind noch nicht vollständig geklärt, man geht von einer Kombination verschiedener Faktoren aus, unter anderem Genetik, Erkrankungen und Umwelteinflüsse.

Der Schlüssel zum besseren Verständnis von Autismus ist die Wahrnehmung, da diese bei den meisten Autisten viele Gemeinsamkeiten aufweist. „Ein Merkmal der autistischen Wahrnehmung ist eine Reizfilterabweichung im Übergang zum Bewusstsein“, so Aleksander Knauerhase. Anschaulich mit Hilfe eines Modells erklärte er die neurotypische („normale“) und die autistische Sinnesreizverarbeitung anhand verschiedenfarbiger Steine von rot (Gefahrenreiz) über gelb und grün bis hin zu farblos (unwichtiger Reiz).

Während die neurotypische Wahrnehmung die Reize automatisch anhand der Farbe nach Wichtigkeit sortiert und dann entsprechend bearbeitet, können Autisten aufgrund ihrer Reizfilterabweichung die wichtigen (rot) nicht oder nur sehr schlecht von den unwichtigen (farblosen) Reizen unterscheiden. Für Autisten erscheinen alle Reize in gelber Farbe und müssen einzeln verarbeitet werden. Ein Gefahrenreiz wird dadurch möglicherweise zu spät erkannt und verarbeitet, da zunächst auch einige unwichtige Reize verarbeitet werden mussten. „Autisten arbeiten dadurch über ihre Kapazitäten und gelangen in Überlastungszustände“, folgert Aleksander Knauerhase als logische Konsequenz. Es komme zu vielfältigen Stresssymptomen und dem Wunsch nach Rückzug. Zwar könnten sich einige Autisten Strategien der Kompensation aneignen, die Reizfilterabweichung bleibe jedoch bestehen.

 

Spezialinteressen und der Blick fürs Detail

Eine weitere Besonderheit der autistischen Wahrnehmung sei die Mustererkennung und der Detailblick, so Knauerhase. Während neurotypische Menschen den großen Zusammenhang sofort erkennen und dann ins Detail schauen, ist das bei Autisten anders. Autisten denken von der Basis aus, das heißt, sie sehen das Detail und versuchen darüber den Zusammenhang zu erfassen. Während diese sogenannte schwache zentrale Kohärenz bei Autisten auf der einen Seite zu Schwierigkeiten bei der Erfassung von Gesamtzusammenhängen führt, können einige diesen Detailblick sehr gut nutzen und finden Fehler in einem komplexen Muster sehr schnell.

Zum Abschluss seines Vortrages erläuterte Knauerhase das Auftreten von Spezialinteressen und den extrem seltenen Inselbegabungen bei Autisten. Er machte deutlich, dass Inselbegabungen angeboren sind, während es sich bei Spezialinteressen in der Regel um angeeignetes Wissen handelt. Spezialinteressen können wechseln und prägen den Alltag und das Auftreten von Autisten – so reden sie besonders gerne darüber und merken nicht, ob es ihren Gesprächspartner genauso interessiert. Damit beendete Aleksander Knauerhase einen interessanten und spannenden Vortrag über das Thema Autismus und Wahrnehmung.

In der anschließenden Gesprächsrunde wurden unter anderem Fragen zur sozialen Kompetenz, zur Beschulung von Autist*innen und zur Schwierigkeit der Integration in eine neue Umgebung gestellt. Auch sensible Themen wie Depressionen und selbstverletzendes Verhalten bei Autist*innen wurden ausführlich beantwortet. So gewährte Knauerhase in der knapp dreistündigen Gesprächsrunde dem Publikum einen einzigartigen Einblick in die Sichtweise eines Autisten.

 

Vertiefendes Seminar für pädagogische Fachkräfte

Am Samstag dann leitete Aleksander Knauerhase das Seminar „W.Ü.S.T.E – Autismus in fünf Schritten besser verstehen“ insbesondere für Pädagog*innen, Lehrer*innen und Schulbegleiter*innen. In dem ausgebuchten Seminar vertiefte er mit den 30 Teilnehmer*innen die Themen Wahrnehmung (W), Überlastung (Ü), Sicherheit (S) und Tätlichkeiten (T). Während des gesamten Seminars hatten die Teilnehmer*innen die Gelegenheit, eigene Erfahrungen (E) einzubringen und Fragen zu stellen.

 

Verein Autismus Südost-Niedersachsen

Der Verein Autismus Südost-Niedersachsen besteht aus Autisten, Fachleuten, Angehörigen von Autisten und Interessierten. Die Mitglieder treffen sich regelmäßig und setzen sich in der Region für Autist*innen und ihre Angehörigen ein.

Kontakt
Autismus Südost-Niedersachsen e.V.

Ansprechpartnerin: Grit Bormann (1. Vorsitzende)
Telefon 0176 / 60 87 80 23 (mobil)
www.autismus-suedost-niedersachsen.de (externer Link)


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