Samstag, 16. Dezember 2017

Geschrieben von Boris Janssen am 01. Dezember 2014
Das ist doch...

…mies gelaufen

Was die Bad Lauterberger aus der Grundschul-Debatte lernen müssen

Die Bad Lauterberger müssen noch einmal die Schulbank drücken, damit sich nie wieder die Frage stellt, eine Grundschule wie in Barbis zu schließen.
Die Bad Lauterberger müssen noch einmal die Schulbank drücken, damit sich nie wieder die Frage stellt, eine Grundschule wie in Barbis zu schließen.

Man kann es nicht anders sagen: Die Grundschul-Debatte war bisher ein einziges Kommunikations-Desaster. Häufig geprägt von Voreingenommenheit, Unterstellungen, mangelndem Fingerspitzengefühl. Sie zeigt, dass auch die erwachsenen Bad Lauterberger noch ziemlich viel lernen müssen – sie brauchen selbst eine „Schule der Zukunft“.

Ihre Lernziele:

 

1. Nachhaltigkeit

Das Grundschuldilemma ist ein Musterbeispiel dafür, wie wichtig nachhaltiges Denken ist. Über Jahrzehnte hat die Stadt Unmengen an Schulden angehäuft, sodass sie jetzt fast handlungsunfähig ist. Statt vernünftig zu investieren, ist nur noch Geld für Notlösungen da. Das ist nicht die Schuld der heutigen Verwaltung oder des heutigen Stadtrats – aber sie dürfen ausbaden, was ihnen ihre Vorgänger sowie von Land und Bund durchgereichte Aufgaben eingebrockt haben. Gut, dass sie mit dem Zukunftsvertrag und der damit verbundenen Verpflichtung zu ausgeglichenen Haushalten das Problem endlich anpacken.

Übrigens gehört zur Nachhaltigkeit auch, sich rechtzeitig den demografischen Wandel einzugestehen: Drei Grundschulen für leider nur noch 250 Kinder – das ist ein bisschen viel. Diese Erkenntnis setzt wiederum das nächste Lernziel voraus:

 

2. Realitätssinn

Gäbe es einen Zusammenhang zwischen Zahl der Schulen und Zahl der Kinder, dann müsste Bad Lauterberg ja seit langem fein raus sein – ist es aber nicht. Und natürlich ist auf den Wunschlisten potentieller Neubürger eine Schule nicht gerade der Renner, deren Sportunterricht vor allem aus Walking zur Turnhalle und zurück besteht. Überhaupt: Wer sucht seinen Wohnort nach zentrumsnahen (!) Schulen aus, nicht nach Arbeitsplatz und gutem, günstigem Wohnraum?

Hätte man nicht so viel Energie in schlicht unrealistische Alternativkonzepte gesteckt, hätte man vielleicht mehr Zeit gehabt, die Standortfrage doch noch „friedlich“ zu lösen, wirklich überzeugende Ideen für den Umbau einer einzigen Schule zusammenzutragen. Dann hätte das Schulgremium nicht zwei Tage vor der Entscheidung eine Empfehlung gegeben, in der sogar drin steht, dass diese Lösung das geforderte Sparziel um glatt die Hälfte verfehlt. Was ein Fall fürs dritte Lernziel ist:

 

3. Miteinander reden

Ja klar: Bereits seit dem 1. Februar 2014 steht auf LauterNEUES, dass Schulschließungen zu erwarten sind, seit Mai sogar ausdrücklich, „es wird bald wohl nur noch eine Grundschule im Stadtgebiet geben“. Wenn aber auf einer Ausschusssitzung zwei Tage vor der Entscheidung alle Vertreter des Schulgremiums – darunter zwei Schulleiterinnen – betonen, sie wüssten erst seit Ende September davon, dass nur eine Schule das laufende Schuljahr überleben soll, dann ist da in der internen Kommunikation ja wohl einiges schiefgelaufen – mit Sicherheit auf allen Seiten. Wurden etwa falsche Hoffnungen geweckt?

Der Verwaltung wurde ja ständig mangelnde Transparenz vorgeworfen. Da hat sie sich selbst hineingeritten: Zwar hat das Schulgremium tatsächlich nicht im Geheimen getagt, aber eben hinter verschlossenen Türen. Und wie das so ist, wieder vor der Tür erzählt es der eine so, der andere so. Neutrale Beobachter, zum Beispiel die Medien, waren nicht dabei, und regelmäßige Berichte zum Beispiel in einem Ausschuss, wie uninteressant sie auch hätten sein mögen, gab es nicht. Dafür dann die unvermeidlichen Gerüchte.

Vernünftige Gespräche brauchen gegenseitigen:

 

4. Respekt

Was sich etliche Leserbriefschreiber und Kommentatoren in den letzten Wochen geleistet haben, ist unter aller Kanone: persönliche Diffamierungen und verletzende Bemerkungen hätte sich jeder sparen können. Sie bringen die Sache im Übrigen auch nicht voran – schon gar nicht, wenn doch klar ist, dass man mit den Leuten, die man derart angreift, irgendwie zusammenarbeiten muss, dass sie vielleicht die Lehrerinnen der eigenen Kinder werden.

Da wurden Rat und Verwaltung aufs Übelste beschimpft, weil sie einen Job machen, den kaum ein anderer übernehmen wollen würde und dafür noch ordentlich Freizeit opfern. Andererseits sollte es selbstverständlich sein, sich auch Sorgen und (sachliche) Kritik anzuhören, die Einwohnerfragestunde grundsätzlich ernst zu nehmen und Demos nicht zu ignorieren. Wer dort unverschämt wird, den kann man dann immer noch auf den Pott setzen.

Von wenig Respekt – und im Übrigen von offenbar völliger Unkenntnis des einzigen zeitgemäßen, bloß leider zu kleinen Schulgebäudes – zeugten auch die Abqualifizierungen des Standorts Barbis als „Dorfschule“. Sie leitet zum Lernziel:

 

5. Bad Lauterberg: Vier Ortsteile – eine Stadt

Barbis, Bartolfelde, Osterhagen und – ja, wie nun: Kernstadt, Zentrum, Lauterberg? – na, das Ding um die künftige Grundschule halt, sind zusammen eine Stadt. Die Grundschul-Debatte hat klar gezeigt: Das haben bis heute viele nicht begriffen, und zwar in allen vier Ortsteilen nicht.

Man sollte immer auf der richtigen Ebene denken. Eine intakte dörfliche Gemeinschaft ist wunderbar, solange es um gute Nachbarschaft geht. Doch niemand käme auf die Idee, es müsse unbedingt ein Harzer in die DFB-Elf kommen, da sollen gefälligst die Besten aus ganz Deutschland rein. Und die Grundschule ist eben eine Angelegenheit der Stadt, da darf die Vorstellungskraft nicht an der Ortsteilgrenze aufhören. Der Bahnhaltepunkt in Barbis, der zufällig gleich neben der Grundschule liegt, zählt doch auch ganz selbstverständlich zu „Bad Lauterberg“.

Besonders verstörend war denn auch das Argument, die Kernstadt müsse gestärkt werden. Als wenn ein Neubürger zum Beispiel in Osterhagen nicht die gleichen Steuern zahlt oder ein leer stehendes Haus in Bartolfelde weniger schlimm ist. Ein Ortsteil lässt sich nicht einfach schließen, wenn er sich nicht mehr lohnt – in ganz Bad Lauterberg fehlen die vielzitierten „jungen Leute“.

Apropos, die jungen Leute von heute:

 

6. Schulischer Wandel

Es stimmt ja, vor Jahrzehnten sind noch viel, viel mehr Kinder im Backsteingebäude zur Schule gegangen, als es künftig wieder tun sollen. Vor dreißig Jahren waren die Toiletten noch über dem Hof, und das ging doch auch. Selbst im Keller gab es dereinst mal Unterricht.

Genau, damals. Schule soll aber kein lebendes Museum sein. Schule soll kleine Menschen auf ihr Leben vorbereiten, und das findet in der Zukunft statt. Deshalb verändert sich Schule genauso schnell, wie die Gesellschaft. Und deshalb veralten Schulgebäude eben auch viel schneller als zum Beispiel Verwaltungsbauten – ein Büro bleibt Büro, ob mit Schreibmaschine und Aktenschrank oder mit Computer und komplexer EDV. Aber heutige Lernmethoden und die Inklusion brauchen mehr Platz und andere Raumkonzepte. Es ist ja kein Zufall, dass das jetzt gewählte älteste der vier Gebäude von allen die kleinsten Klassenräume hat. Und es ist auch kein Zufall, dass schon jetzt im gesamten Stadtgebiet verteilt ein halbes Dutzend ehemaliger Schulgebäude herumstehen – übrigens allesamt irgendwie nachgenutzt.

Bliebe das letzte Lernziel:

 

7. Verantwortung

Gerne wurde zu Grundschulen und Zukunftsvertrag von der Verantwortung gesprochen vor der Zukunft, vor den Kindern und vor den Enkelkindern. Na gut, wer will solchem Pathos schon widersprechen.

Die Ratsmitglieder haben aber auch Verantwortung jetzt und heute – gegenüber ihren Wählern. Klar, es ist im Grunde ein Ehrenamt, dessen Träger großen Respekt verdienen (siehe oben). Aber angesichts der Tragweite der Entscheidungen können die Wähler ein wenig Engagement erwarten. Deshalb reiben sich die Zuhörer natürlich verwundert ihre Ohren, wenn aus manchen Fragen hervorgeht, dass der Fragesteller nicht einmal die Beschlussvorlagen gründlich gelesen hat oder es heißt, wo solle man denn neben der Arbeit noch die Zeit hernehmen, sich ausufernd mit den Themen zu befassen. Wer letzteres sogar mehrfach laut und deutlich betont, sollte sich vielleicht mal fragen, ob er im Rat wirklich richtig sitzt.

Und wer sich einer solchen Abstimmung verweigert, macht es nicht besser als die Nichtwähler: Er fügt sich automatisch in das von der Mehrheit bestimmte Schicksal und hat nicht einmal versucht, das Elend abzuwenden oder zumindest das Beste daraus zu machen.

 

Hätten die Bad Lauterberger ihre Hausaufgaben bereits in der Vergangenheit gemacht, müsste nicht eine schmerzliche Million in einen Bau investiert werden, der schon jetzt als Schulgebäude auf der Abschussrampe steht. Denn wie sagte es Bürgermeister Dr. Thomas Gans auf der Ratssitzung im Oktober: Der Zukunftsvertrag sorge dafür, dass sich die Stadt vielleicht in zwei, drei Jahrzehnten endlich mal wieder einen gescheiten Neubau leisten könne. Bis dahin haben die Kinder, die jetzt ins Grundschulschlamassel kommen, selbst schon Kinder. Aber ob die dann auch in Bad Lauterberg zur Grundschule gehen?


.................................................................................................................................................

Blaulicht

Bild der Woche