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Dienstag, 16. Oktober 2018

Geschrieben von Katja Koch am 20. Mai 2018
Das Thema

Infekte im Winter, Verletzungen im Sommer

Kinderärztin Ute Leib über gesunde kindliche Entwicklung, verunsicherte Eltern und Wadenwickel

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Ein Gespräch mit Dipl.-Med. Ute Leib,  Fachärztin für Kinder- und Jugendmedizin, geführt von Katja Koch.


Ihre Kinderarztausbildung hat sie bis 1993 gemacht, danach ein Jahr in der Kinderklinik, dem folgte die zweite Facharztausbildung in der Transfusionsmedizin. 2008 stieg Frau Leib in die Pädiatrie mit weiterer Fortbildung ein. Im Oktober 2011 hat sie eine Arztpraxis für Kinder- und Jugendmedizin in Bad Lauterberg übernommen. Somit hat Ute Leib eine umfangreiche Erfahrung sowohl im klinischen Bereich, als auch als praxisführende Ärztin.

Wir haben uns mit ihr getroffen um mehr über die gesunde kindliche Entwicklung zu erfahren.

- Frau Leib, Sie führen die Praxis seit bereits 7 Jahren. Können Sie sagen, dass es früher die Kinder gesünder waren als heute, oder es ist eher jahreszeitabhängig?

- Na, klar es gibt schon Jahreszeitabhängigkeit. Und da gibt es ja auch unterschiedliche Jahre. Dieses Jahr  ist ja alles quasi explodiert. Nachdem wir keinen richtigen Winter hatten, dann Kälteeinbruch und dann ging es ja los mit allem was eben anfing zu blühen. In diesem Jahr wird es mit den Allergien wahrscheinlich dramatischer verlaufen. Und genauso ist es eben auch mit diesen ganzen Grippewellen, die sich in den Herbst-Winter Saison rein verlagern. Wobei man sagen muss, auch das läuft wellenförmig ab. Es gibt Jahre, wo wir Kinder haben die schwer krank sind mit Lungenentzündung und wirklich intensiv behandlungspflichtig sind. Und dann wiederum Jahre, wo die Kinder ihren Infekt haben und zwei, drei Tage Fieber. In der Regel im Sommer es ist immer weniger, da ist eher mit Verletzungen zu rechnen.

"Die Eltern sind heute in hohem Maße verunsichert"

- Geben Sie in Ihrer Sprechstunde den Eltern Tipps, was sie machen können, bevor sie zu Medikamenten greifen?

- Der Punkt ist, dass die Eltern heute in hohem Maße verunsichert sind. Sie haben viel mehr Möglichkeiten des Informationsflusses. Natürlich haben sie die Chance schneller interventionell einzugreifen, was Sinnvolles zu tun. Aber in viel höherem Maße werden sie unsicherer. Weil einer sagt so, der anderer so. Frag drei Ärzte und du kriegst vier Meinungen. Das Problem ist für sich dort herausfiltern das, wovon ich mich leiten lasse. Oder sagen, „nein ich gucke mir das gar nicht mehr an, ich frage jetzt einfach mal Mama, wie hat sie denn uns betreut, als wir Fieber hatten.“
Als ich vor sieben Jahren angefangen habe, war es so: Als Kind krank wurde, fragten die Eltern in der Regel immer: „Meinen Sie nicht wir brauchen Antibiotikum?“ Ich sagte: „Nein, ich bin der Meinung Sie brauchen kein Antibiotikum. Ich denke das ist ein viraler Infekt und beim viralen Infekt hilft Antibiotikum gar nicht.“

Wir haben jetzt schon das Problem, dass wir multiresistente Keime haben und wir damit uns die Chancen für die Zukunft viel mehr verbauen als wir einen Nutzen davon tragen. Jetzt müssen wir wieder umdenken. Wir versuchen erst mal mit den Hausmitteln. Mit dem Zwiebelsäckchen auf den Ohren und mit dem Wadenwickeln und mit dem Zitronenwasser das Kind abwaschen. Wir müssen  lernen wieder damit umzugehen und sagen, „ ich verfalle nicht sofort in Panik wenn mein Kind 39 Fieber hat, sondern ist eine natürliche Reaktion des Körpers.“ Wir müssen gucken wie es dem Kind dabei geht sitzt es noch da und spielt, oder liegt und man hat das Gefühl, dass ihm gar nicht gut geht. Natürlich muss ich mich entscheiden, muss ich dann Fiebersenkung machen. Das muss nicht zwingend Paracetamol Zäpfchen oder Paracetamol-Saft sein. Das kann beim größeren Kind Wadenwickeln sein. Ich muss mir zu helfen wissen.

"Manchmal muss man abwarten"

- Da müssen ja die Eltern über die Entwicklung der Symptome Bescheid wissen.

- Manche Symptome müssen sich erst ausbringen. Wenn das Kind erst letzte Nacht Fieber gehabt hat und ich gleich am nächsten Morgen zum Doktor gehe, kann er manchmal nicht viel finden. Es braucht Zeit. Da muss man ggf. abwarten, weil der Doktor dann viel besser handeln kann.

"Kinder müssen auch mal im Dreck spielen"

- Das wissen viele nicht.

- Ja, das wissen nicht alle. Und natürlich das Fieber ist mit Schrecken verbunden, wo ich sage, dass die Eltern keine Angst vor Fieber haben müssen. Fieber ist nichts Schlimmes. Das ist eine gekonnte Reaktion des Körpers. Es gibt einfache Möglichkeiten wie ich meinem Kind helfen kann ohne gleich ihm Medikamente zu geben.
Kinder müssen auch im Dreck spielen und auch mal Sand schlucken. Damit schaffe ich die Abwehrkörper und sie müssen nicht immer mit einem Desinfektionstuch die Hände und alles abgewischt kriegen. Und auch die ganzen Allergien, die wir heute haben, sind ja nicht nur bedingt weil wir Umwelt verschmutzen, mit irgendwelchen Umweltgiften die Pflanzen besprühen, sondern natürlich auch weil wir vieles auch Essen in dem Glutamate, Konservierungsstoffe, usw. drin sind. Wo ich sage: „Auch das bewirkt eine Allergie. Sie müssen nicht das Gläschen aus dem Drogeriemarkt nehmen, wenn wir mit 4. Monaten mit dem ersten Babybrei fürs Kind anfangen.“
Mit Kartoffeln und Möhren oder mit ein bisschen Hühnerbrühe kann man versuchen und gar nicht erst auf die fertigen, konservierten Sachen zurückgreifen. Die ganze Fehlernährung wird uns in der Zukunft schwer beschäftigen. Z.B. Adipositas bei Kindern.

- Liegt es auch an der mangelnden Bewegung?

- Na klar, dass der Mangel der Bewegung ist ein Problem. Die Kinder werden zur Schule gefahren.

"Ernährung ist nicht nur was ich essen, sondern auch, wieviel"

- Ich kenne Kinder, die sich viel bewegen und trotzdem Gewichtsprobleme haben. Dann liegt es an der Veranlagung und Ernährung?

- Ernährung ist nicht  nur was ich esse, sondern wie viel ich esse. Eine Portion ist eine
Handvoll von dem Kind.  (Im Internet findet man Ernährungspyramiden sowohl für Kinder als auch für Erwachsene - Anmerkung der Autorin.) Wir haben gerade eine Diskussion um zuckerreiche Getränke. In England wurde schon gesagt, „nein, wir nehmen keine zuckerreiche Getränke.“
Und der gesellschaftliche Wandel bringt es mit sich. Wir nehmen Ernährungsgewohnheiten an, deren Möglichkeiten wir jetzt haben. Zum Beispiel: Ich sehe, dass beim Durchfall das Kind Salzstangen und Cola bekommt. Warum? Weil Cola zwei Dinge ausmachen. Die Cola ist steril verschlossen in der Flasche. Also Magen-Darmtrakt bekommt keine neuen Erreger dazu. Zweitens: Cola enthält ein Haufen Zucker. Zucker als Baustein ist wichtig für den Körper und in der Flasche ist in der sauberen Form. Aber ich kann es genau so mit Traubenzucker und abgekochtem Wasser machen.

Auch Helfen im Haushalt, wobei Feinmotorik geübt wird, kann zum Teil Ergotherapie ersetzen. Da muss ich nichts kaufen. Das ist trivial und doch so schwierig. Es gibt jetzt schon anerkannte Berufskrankheit: Arthrosen  im Daumengrundgelenk durch das Bedienen von Joysticks, Arbeiten am Computer mit der Maus, Nintendo...

- Genau, das was Sie gesagt haben: „Unsere Umwelt formt uns.“

-Ja, genau.

- Was halten Sie von Osteopathie? Kommt sie für kleine Kinder in Frage?

- Osteopathie hat ihren Stellenwert, wobei ich immer den Eltern sage, dass ich selber keine Ahnung von Osteopathie habe. Ich habe es nicht gelernt. Ich verstehe wenn man mir erklärt, wo man drückt und wie das heißt, aber ich verstehe den Wirkmechanismus nicht. Sehe aber als Ergebnis, dass ist sehr wohl auch gute Erfolge bringt.  Ich sage dann: „ Wenn Sie das wünschen, kann ich jetzt ein Privatrezept mit „Osteopathie erwünscht“ schreiben, weil Kopffehlhaltung, Schreiattacken, was auch immer. Und die Krankenkasse bestätigt Ihnen, dass sie 80-90% übernimmt.“ Verordnen kann ich das nicht, finde aber dieses Heilverfahren sowie auch Homöopathie gut. Ich sage den Eltern: „Wenn Sie damit gute Erfahrung haben, machen Sie das bitte.“ Wenn das nach eine Woche unverändert bleibt, dann müssen Sie ggf. was anderes nehmen. Eine Erkrankung entwickelt sich ja auch. Manche Sachen gehen von alleine weg, manche muss man dann anderweitig medikamentös unterstützen.


Die Immunabwehr mit Bio-Sauna und heiß-kalten Duschen unterstützen

- Also, Sie schließen Homöopathie nicht aus?

- Nein. Ich denke, man muss es schon  heutzutage miteinbeziehen. Punkt für mich nach wie vor, dass ich sage, „ viele Dinge können wir auch mit einer positiven Einstellung schon gut beeinflussen. Wenn ich schon Angst und Panik habe, da kann ich gar nicht gesund werden. Ich brauche für mich das Bauchgefühl, Vertrauen. Ich möchte mein Kind auf gute Art unterstützen, dass es  ggf. aus eigenen Mitteln sich hilft mit einer geringeren Unterstützung.“
Natürlich bei einem, der sich Arm gebrochen hat, würde ich nicht sagen, dass wir jetzt Globuli nehmen und gucken ob das gut zusammenwächst. Und das Kind braucht Zeit in der ersten 3-5 Jahren des Lebens zur Rekonvaleszenz. Der Körper muss erst mit den Bakterien und Viren in Kontakt kommen und lernen damit umzugehen. Manche Kinder sind immunschwächer als die anderen.  Ich kann das aber positiv beeinflussen in dem ich heiß-kalte Dusche, Fußbäder mache, in die Sauna mit dem Kind gehe, wie das die Skandinavier machen. Ich muss nicht in die 90 Grad Sauna, aber in die Bio-Sauna wohl um die Immunabwehr mitzuunterstützen.

- Als Prävention?

- Ja, als Prävention, bevor es mit Husten und Schnupfen los geht. Das ist der Punkt.


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